»MÜHLE ROUGE« – XS 750-UMBAU / 1 – WIE ALLES BEGANN

Was muss man eigentlich drauf haben, um eine 40 Jahre alte, kaputtgestandene Yamaha XS 750 in einen coolen Street-Tracker zu verwandeln? Nicht allzu viel, wenn man die Vorzüge des betreuten Schraubens genießt. Ein Selbstversuch in sechs Akten, hier Teil 1.

Der 300-Euro-Schatz: Vor dem Umbau hatte die XS 750 gut 40 Jahre in einer feuchten Garage verbracht, ohne einen Meter bewegt zu werden. Reifen platt, Bremsen fest, ein schon mit leichtem Pelz überwachsenes Standbild – oder anders gesagt: Die ideale Umbau-Basis.

»Drecksteil!!« Mein Brüllen füllt den ganzen Hof, ein Fäustel fliegt durchs Bild. Ich sauge Blut, das sich mit dem grün-gelblichen Glibber aus dem oberen Lagersitz vermischt hat, der sich dort in vier Jahrzehnten gebildet hat – so wie das Zeug schmeckt, muss es mal einen Puls gehabt haben. Immerhin lenkt der Ekel vom Schmerz ab, denn der kantige Rand des oberen Lagersitzes hat mir soeben ein gutes Stück aus dem kleinen Finger der linken Hand geschält, als ich zum x-ten Male daran scheiterte, mit einem langen Metallstück durch den Lenkkopf hindurch das Lager auf der unteren Seite auszutreiben. Dieses Mal hatte ich kräftiger draufgehauen als zuvor, dafür rutschte die Spitze auch sofort ab, und ich sah Sternchen. Merke: Wenn im Handbuch geschrieben steht, dass diese Nummer nur mit einem Spezialwerkzeug funktioniert, dann könnte da im Einzelfall was dran sein.

Adieu, Originalzustand: Das letzte Bild vom Serien-Outfit, direkt nach dem Foto wurde der Triple zerlegt.

»Wass’n los?« Norbert steckt den Kopf zum Rolltor rein und zeigt auf den Fäustel: »Trainierst du für irgendwas?« Ich zeige auf das Lager, dann auf meinen Finger, er rechnet im Geiste den Hammer dazu und meint: »Das geht nur mit ’nem Spezialwerkzeug.« »Klugscheißer – haste eins?!« »Natürlich nicht.« »Na also! Die alten Lager müssen aber raus, der Rahmen geht morgen zum Beschichten.« »Na, dann mach dir doch eins. Kann doch nicht so schwer sein, zeig mal …« Es dauerte zehn Minuten, bis Norbert das »Spezialwerkzeug« in der Hand hielt – ein mehrfach nachjustiertes und geflextes Flacheisen mit einer leicht »bananigen« Spitze – und tatsächlich mit vier, fünf gut getimten Schlägen das Lager aus dem Sitz holte. Ohne erkennbaren Blutverlust. Wieder was gelernt. Wie schon so viel in den letzten Wochen. Denn ich habe mich als Schrauber-Dummy in das Abenteuer gewagt, ein 40 Jahre altes Motorrad nach 32 Jahren Standzeit wiederzubeleben und dabei in einen möglichst reduzierten Street-Tracker zu verwandeln, mit TÜV und allem. Eine drollige Idee, wenn man über rudimentäre Schrauber-Kenntnisse verfügt, aber: Ich stehe nicht allein da. 

Von alten Motorrädern angefixt und leicht euphorisiert von der Retro-Custom-Welle,
besuchte ich 2016 erstmals mit Freunden das Wheels and Waves-Festival in Biarritz, »The Coolest of Cool Custom Bike Shows«, kurzum: Wir pilgerten nach Mekka. Eines Abends hockten wir zusammen, und als ich meine Bilder des Tages herumzeigte, meinte Alex: »Du hast ja fast nur Tracker fotografiert. Ich denk, du stehst auf Cafe Racer?« Dachte ich eigentlich auch, aber tatsächlich hatte mir die atlantische Sonne vor allem famose Street-, Flat- oder Dirt-Tracker auf die Festplatte gebrannt – und ins Stammhirn wohl auch. Ich dachte sogar laut darüber nach, dass man aus meiner alten XS 750 sicher auch so was Knackiges machen könnte, worauf Norbert dann nur sagte: »Na, dann mach‘ doch. Wir helfen dir schon, wenn du nicht weiterkommst.« Und Alex ergänzte: »In meiner Halle ist noch ’ne Ecke frei …« Sie boten mir quasi betreutes Schrauben an – kann man so ein Angebot auch ablehnen? 

Keine zwei Monate später zog ich also mit meinem Krempel bei Alex ein. In seiner Halle entstehen reduzierte Bratstyler, Cafe Racer und Scrambler. Alte Honda-Twins haben es ihm angetan, doch auch biedere Zweiventil-Boxer hat er schon in coole Straßenköter verwandelt. Aus seiner Umbauleidenschaft sollte mal ein Broterwerb werden, doch holte ihn die harte Customizer-Realität – schwierige Kunden, haarige Kalkulationen, bohrendes Finanzamt – an die Wurzeln zurück: »Fuck the Business, back to Passion«, hieß fortan sein Leitspruch, und so geht er heute wieder seiner eigentlichen Berufung nach und baut nur noch für sich selbst. Dann ist da noch Bernard, der schon an Motorrädern schraubt, seit er sich den letzten Eiterpickel von der Kinnlade gequetscht hat. Er ist schwer Honda-vorbelastet, ein intimer Kenner klassischer Technik und sieht die Halle als erfüllende Feierabend-Action. Hundert Euro im Monat steuere ich in meinem neuen Schrauber-Nest zur Miete bei, knapp 80 Kilometer von meinem Wohnort entfernt – für einen Tracker ist kein Weg zu weit.

Anprobe: Schon mit dem Originaltank ist zu erkennen, dass am Ende des Tracker-Bürzels noch jede Menge Rahmen kommt – für einen »One Seater« wird der nicht gebraucht.

Mein »Krempel« bestand zum Einzug aus einem frisch erworbenen, recht umfangreichen Grundwerkzeug-Set, einer komplett zerlegten 78er Yamaha XS 750 sowie der technischen Literatur zu dem Modell. Mit einem Auge schielte ich allerdings schon nach einer kompletten zweiten XS, denn meine war wirklich bis in die letzte Schraube zerlegt, inklusive Motor, Vergaser, Antriebsstrang – ein Riesenpuzzle, bei dem ich nicht mal wusste, ob wirklich alle Teile in der Schachtel sind.

So hatte ich inzwischen schon gutgläubig 200 Euro in einen ausgebauten Komplettmotor investiert – »der lief immer super« –, als mir der Zufall einen weiteren Triple in den Schoß fallen ließ. Die XS war von ihrem Besitzer neu gekauft worden, dann hatte er sie acht Jahre lang durch Europa getrieben und schließlich an einem Tag vor 32 Jahren in die Garage gerollt und nie wieder bewegt. Er überließ sie mir spontan für 300 Euro. Ich kaufte sie ungesehen und trotz all seiner Warnungen: »Die bewegt sich keinen Meter, die Bremsen sind fest und die Reifen platt. Und wirklich toll sieht sie auch nicht mehr aus.« Ob das die richtige Basis ist …?

Life after Campingtisch: Gerüstbohlen auf Böcken vergrößern die Spielfläche.

Irgendwas in meinem Innersten beantwortete diese Frage mit »Ja«, und so holten wir sie mit dem Transporter ab. Es brauchte rohe Gewalt, um die festgebackenen Bremssättel von den Scheiben zu lösen, und gefühlt jeden Muskel im Körper, um den Fünf-Zentner-Eisenhaufen auf platten Pellen die Rampe hochzuwuchten. Der Anblick hatte mich leicht ernüchtert: Ziemlich »rotten«, Rost am Rahmen, stellenweise war ihr ein schimmeliger Pelz gewachsen. Alex jedoch zeigte sich unbeeindruckt, auch Bernards Spontan-Diagnose war für mich durchaus verblüffend: »Sieht doch gut aus. Zumindest alles dran. Und dann auch noch aus erster Hand. Wenn die gelaufen ist, dann wird sie auch wieder laufen.« Und so geschah’s.

Ich hatte neue Kerzen samt -stecker und Öl samt -filter besorgt, die Vergaser wurden mit frischem Sprit geflutet, den Strom lieferte eine frische Batterie, dann hieß es kicken. Locker 30, 40 Mal traten andere zu, jeder wollte und durfte mal, bis ich dann schließlich selbst an der Reihe war. So wurde ich der Prinz, der sie aus ihrem 32-jährigen Dornröschenschlaf erweckte. Bei meinem vierten Kick sprang sie an, sicher eine Fügung. Und der Startschuss für die Zerlegung.

Die schaffte ich zwar weitgehend allein, doch ging mir die Nummer als »Erdarbeit« in Kreuz und Knie. Nachdem sich der Campingtisch nicht hatte durchsetzen können, baute ich mir eine provisorische Werkbank aus Gerüstbohlen auf zwei Böcken, mein Werkzeugschrank war ein Pappkarton, ansonsten lebte ich aus Koffern. Kein Zustand auf Dauer, ich musste weiter in meine Infrastruktur investieren. Auf den Einkaufszettel kamen eine Hebebühne, ein Werkzeug-Rollschrank, kleine Stauräume für Schraubengedöns, weitere Werkzeuge und Verbrauchsmaterialien – sozusagen ein Dummy-Starter-Kit.

Pflegefall: Erst am nackten Rahmen ließ sich das Ausmaß des Rostbefalls erkennen, die Substanz jedoch war gut.

Bevor die XS restlos ihre Form verlor, wollte ich außerdem den späteren Tank gefunden haben. Auf einen klassisch-schönen Rohling für die Tracker-Sitzbank stieß ich bei Louis, den Tank zu finden, dauerte länger. Etliche hatte ich schon ausprobiert, doch bei der Anprobe scheiterten alle am doppelten Rahmenoberzug der Yamaha, nur ein Tank mit sehr breitem Tunnel könnte passen. Ich fand ihn schließlich im Netz, dazu jedoch eine kleine Warnung: Wenn man auf der Suche nach Custom-Parts in die Tiefen des Internets vordringt, gehen ganze Abende drauf. Kaum zu glauben, was weltweit alles angeboten wird, immer neue Seiten tun sich auf, man stöbert durch zahllose Shops und sieht jede Menge Teile, die man gar nicht sucht, eins geiler als das andere. Im Nu hat man Ideen für drei Umbau-Projekte aufgekritzelt, es fällt bisweilen schwer, sich aufs Wesentliche zu konzentrieren und der Verlockung zu widerstehen, einfach mal den »Order now!«-Button zu klicken. In einem Fall jedoch konnte ich nicht anders, denn als ich ihn sah, wusste ich sofort: Das ist mein Tank!

Ich fand ihn bei R.S. Vintage Motorcycle Parts in Neu Delhi, Indien. Die bieten Nachbauten klassischer Blech- und Alu-Tanks, bevorzugt für alte Brit-Bikes. Doch dort fand sich auch eine Replik des Tanks einer Benelli Mojave, die Ende der 60er ausschließlich in den USA zu haben war. Ihr Tank ist nicht nur formschön, sondern hat auch einen ausreichend breiten Tunnel. Ich überlegte nicht lange, bestellte per Mail und überwies knapp 110 Euro für einen unbehandelten Blech-Rohling. Als Lieferzeit wurden mir rund acht Wochen avisiert, erstaunlicherweise konnte ich ihn dann nach nur drei Wochen schon am Zollamt abholen. Was mich das stylische Billig-Fässchen am Ende tatsächlich kosten sollte, dazu mehr in einem späteren Teil dieser Serie. Bei der Suche nach dem Tank hatte ich bei LSL auch meinen neuen Lenker gefunden, eine Flat-Track-Stange wie aus dem historischen Bilderbuch, Stahl verchromt, samt schicker Klemmböcke, Lenkergewichte und Griffgummis. Ob all das jedoch am Ende wirklich zueinanderpasst, muss sich noch zeigen.

Beim Zerlegen machte ich akribische »Themenhäufchen«, um hinterher auch ja noch zu schnallen, welche Schrauben, Scheiben und Hülsen zu welcher Baugruppe gehören. Irgendwann kam Bernard und zog aus meinen schönen Häufchen scheinbar wahllos jede Menge Schrauben und Teile und schmiss sie in eine große Kiste, kunterbunt durcheinander. »Kann alles zum Verzinker«, kommentierte er sein Tun, »ist dann alles wie neu.« »Und wie weiß ich jetzt noch, was wo hingehört?!« »Och, das kriegen wir schon.« Und warum mach ich dann Häufchen …?

Dass der Rahmen später rot werden wird, wusste ich da bereits, ich wollte schon immer mal ein Bike mit rotem Skelett – eine »Mühle Rouge«. Jetzt muss er aber erst von Haltern und Laschen befreit werden, die ich nicht mehr brauche, da werden die Funken nur so fliegen. Doch sollte ich dabei auch herausfinden, was man alles falsch machen kann – doch davon mehr in Teil 2.

Home sweet home: Unsere Werkstatt in Essen war quasi unser »Herrenzimmer«.

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