»YAMAHA EINZYLINDER? FRAG’ EINFACH MOTORITZ …«

Auf seinem Hof hat sich ein Mann in die Herzen der Einzylinder-Gemeinde geschraubt, der sein eigenes seit jeher an die legendären XT-Wüstenrenner verloren hat. Heute ist Moritz Kullmann einer der gefragtesten Yamaha-Single-Seelsorger im Lande.

Trautes Heim: »Motoritz« lebt und schraubt in einem kleinen Hof mit jahrhundertealter Scheune in Pohlheim bei Gießen.

»Aufgewachsen bin ich auf einem Aussiedlerhof in Niedersachsen, das war eine Welt für sich. Mit Schuppen und Werkbänken, jeder Menge Werkzeug und der Philosophie, dass man viele Dinge im Leben selber reparieren und instand halten kann. Mein Vater war leidenschaftlicher Motorradfahrer und fuhr damals eine XT 500. Ich war ein kleiner Junge und restlos fasziniert von dem Bike. Schon damals war mir klar, dass ich so etwas auch mal haben will.« Die Eltern waren reiselustige Gesellen und zeigten dem kleinen Moritz einen Gutteil der Welt, im Wohnmobil rollte er Hunderttausende Kilometer über die Kontinente, auch bei diesen Touren durfte huckepack ein Motorrad nicht fehlen. »Das war dann leider nur noch eine kleine Honda, eine XL 125. Als ich auf der das erste Mal selber hinter dem Lenker saß – ich weiß gar nicht mehr, in welchem Land das war –, muss ich so etwa zwölf gewesen sein.« Das Virus hatte ihn befallen und Moritz durchlebte eine intensive Mofa- und Mopedzeit, in der er das Schrauben erlernte. »Irgendwas war immer. Nicht nur an meinem Moped, auch an denen der Kumpels habe ich geschraubt.«

Heimarbeit: Um an seinen höchst stimulierenden Arbeitsplatz zu kommen, muss Moritz nur mal kurz über den Hof.

Mit 18 stand dann eine gut abgehangene XT 600 1VJ in seiner Garage, deren Kilometerstand er in zahllosen Fernfahrten locker in den sechsstelligen Bereich trieb. »Damals begann meine Arbeit an und mit Yamaha-Einzylindern, und ohne das dass mein Ziel gewesen wäre, wurde das immer mehr.« Um die eigene Kiste mit kleinem Geld am Laufen zu halten, konnte Moritz sich nur gebrauchte Teile leisten. »Meist wurden mir dann gleich komplette Maschinen angeboten, in der Regel ziemliche Ruinen. So machte ich die Erfahrung, dass sich das rechnen kann.«

Er zerlegte die Motorräder, nahm das weg, was er selbst brauchte, und verkaufte den Rest in Einzelteilen. So wurde im Lauf der Zeit aus der Not ein veritables Geschäftsmodell, denn Moritz intensivierte seine Schlachtfeste und wurde so nach und nach zu einem der zuverlässigsten Gebrauchtteile-Lieferanten für alte XT-, SR- und SRX-Eintöpfe.

Für ein anstehendes Referendariat verschlug es den studierten Forstwissenschaftler dann nach Hessen, doch im letzten Moment entschied sich Moritz gegen eine Laufbahn als Lehrer – er steckte einfach schon zu tief in seiner monozylindrischen Selbstständigkeit, die ihn bereits damals gut auf Trab hielt.

Heute lebt er auf einem kleinen Hof mit einer jahrhundertealten Scheune in Pohlheim bei Gießen. »Komm, ich zeig‘ dir mal die Werkstatt.« Quer über den Hofplatz steuern wir auf das Scheunentor zu. Ein Blick in die Runde lässt überall historische Haushaltstechnik erkennen, wenn auch bisweilen etwas zweckentfremdet. Vorsintflutliche Waschmaschinentrommeln führen hier ein zweites Leben als Lampe oder Feuerstelle, auf ehernen Werkbänken ist jede Menge rostiges Eisen drapiert, ein uralter Ofen steht einfach nur dekorativ herum, unterstreicht aber nachdrücklich die anheimelnde Atmosphäre, wie man sie sonst nur aus einem Heimatmuseum kennt.

Als das große Holztor seiner Werkstatt dann aufschwingt, weiß ich gar nicht, wo ich zuerst hinschauen soll. Enduros hängen hoch oben in den Winkeln, eine Dax baumelt an der Decke. Die Wände sind stilsicher verziert mit musealen Zeitzeugen vom Kühlergrill über alte Lederkombis bis hin zu Pumpen, Schlössern, Taschen, Helmen – bisweilen verliert sich ein XT-500-Tank in der kurzweiligen Auslage. »Das hier ist meine gläserne Venus«, sagt Moritz und deutet auf eine uralte Trockenhaube. »Das müssen die ersten überhaupt gewesen sein.« Zu jedem Teil weiß er etwas zu erzählen und man könnte sich leicht darin verlieren, doch sind all diese Devotionalien letztlich nur stimmungsvolles Beiwerk für die eigentliche Bestimmung dieser rustikalen Scheunen-Werkstatt.

Optimale Raumnutzung: Bis an die Decke wachsen Komplett-Motoren und Teile.

XT- und SR-Fahrer dürften hier weiche Knie kriegen, denn um welche Ecke man auch schaut, immer kommt jede Menge Single-Technik ins Bild: In massiven Holzregalen türmen sich Komponenten der vertrauten Einzylinder-Motoren bis unter die hohe Decke, am Boden rangeln Gabeln und Räder um die besten Plätze. Zur Rechten der Operationssaal – etliche Komplettmotoren stehen auf der Werkbank und werden repariert oder neu aufgebaut. »Momentan habe ich so um die fünfzig Motoren fertig im Regal stehen, ein paar Hundert zerlegte kommen noch dazu.« Welches Baujahr oder welche Baureihe auch immer Probleme bereitet, in Moritz‘ Fundus wird sich zweifelsohne passender Ersatz finden.

Der Mann hat sich hier ein kleines Schrauber-Paradies auf uraltem Kopfstein geschaffen. »Dahinten geht’s zu weiteren Schuppen. Da stehen auch noch Maschinen. Aber ich zeig‘ dir erst noch was anderes.« In einem kleinen Nebenraum der Scheune hat Moritz eine Atmosphäre-schwangere Mini-Boutique mit überaus uniquer Ware eingerichtet. Es gibt handgefertigte Lederjacken, die nach seinen Entwürfen genäht wurden, derb-stylische Biker-Boots der Haltbarkeitsklasse »lebenslang«, edle Jeans für die ganz langen Ritte und coole Hemden – sogar in meiner Größe. Ich staune über die Liebe zu den Details der Einrichtung und als hätte er meine Frage geahnt, kommt er mir mit der Antwort zuvor: »Hier auf dem Dorf gibt es zwar keine Laufkundschaft, aber mich kommen hier so viele Motorradfahrer mit einem Sinn für »Hand-made« besuchen, dass ich das einfach mal ausprobiere.« Warum auch nicht? Denn wer hierher kommt, will sicher erst mal bleiben, dass kann ich gerade recht gut nachvollziehen, auch ich könnte direkt hier einziehen.

Aber bleibt ihm da noch Zeit zum Motorradfahren? »Sicher nicht so oft, wie ich gern würde, aber eine längere Reise im Jahr sitzt schon noch drin. Neulich erst waren wir wieder in Afrika.« Moritz wollte seine XT von Anfang an standesgemäß einsetzen. Etliche Male zog es ihn in die Wüste, bevorzugt in die Sahara. Und bei jedem Trip stellte sich bestenfalls die Frage nach Route und Ziel, nicht aber nach dem bevorzugten Reisefahrzeug. »Die XT 500 kann nichts wirklich richtig gut. Sie ist kein super Tourer, kein super Crosser, auch super zuverlässig ist sie nicht wirklich. Aber sie ist sehr puristisch, die Technik einfach und robust, sie ist sehr leicht zu reparieren und ausreichend Leistung ist auch vorhanden. Weniger ist da einfach mehr. Man könnte auch sagen: Die XT ist nicht das beste Motorrad. Aber sie kann einfach alles. Deshalb: Jederzeit wieder.«

You’re welcome: Bei der »Far out«-Lage seiner Werkstatt hat Moritz‘ nicht viel Laufkundschaft, freut sich aber über Besuch – am besten nach Voranmeldung.