HARLEY-MANIAC JÜRGEN ULLRICH – WO DER DONNER WOHNT

Wie Jürgen Ullrich seine Leidenschaft für die Marke Harley-Davidson auslebt, ist schon ziemlich einzigartig. Mindestens ebenso einzigartig jedoch ist seine Sammlung.

J-we-de: Jürgen auf seiner 11J von 1915 beim Cannonball Endurance Motorcycle Run 2016, der ihn über 3300 Meilen von Atlantic City in New Jersey bis ins kalifornische Carlsbad brachte.

Arnstein, Ortsteil Gänheim, Würzburg ist nicht wirklich weit weg. Hier im unterfränkischen Nirgendwo, wo heimelige Winzerorte wie kleine Inseln in einem Ozean aus Äckern und Weiden treiben, hat sich ein Mann sein ganz persönliches Paradies geschaffen. Zwischen schmucken Einfamilienhäusern und historischer Bausubstanz fällt sein Refugium auf Anhieb ins Auge: viel Holz, viel Orange, eine fette Chromleiste ziert die Fassade. Doch so extravagant das Äußere auch daherkommen mag, erst als ich eintrete, verfalle ich kurz in Schnappatmung. In den beiden Schenkeln der L-förmigen Halle stehen Motorräder Lenker an Lenker, eine Schönheit drängelt sich an die nächste und ich kann gar nicht anders, als die Reihen abzuschreiten wie eine Ehrenformation. Ständig bleibe ich stehen und salutiere innerlich, etwa bei der 11J von 1915, von deren filigraner Motorkulisse ich das Auge kaum wieder losreißen kann. Oder der JDH 1200 von 1929, ganze 70 Stück wurden vom seinerzeit schnellsten Serienmotorrad nur gebaut. Die Knucklehead daneben von 1937 wurde vom ersten ohv-Motor der Marke befeuert, mit dem tausend Kubik großen V-Twin stellte der legendäre Joe Petrali seinerzeit auch den absoluten Speed-Record von 210,16 km/h auf.

Royale Karosse: Das Knucklehead-Gespann stand einst im Dienst des spanischen Königshauses.

Da drüben steht ein 47er Police-Servicar, schräg gegenüber eine K 750 Sportster von 1952, die fünfte, die je gebaut wurde. Ein Stück weiter sticht die Baja 100 ins Auge, deren kleiner Zweitakter im Jahr 1971 das legendäre Wüstenrennen Baja 1000 gewann. Links die erste Sportster, rechts die erste E-Glide, gegenüber das erfolgreichste Rennsportmotorrad aller Zeiten, der Flattrack-Racer XR 750. Ich weiß nicht, wo ich zuerst hingucken soll – dahinten steht Captain America! Und das Billy-Bike direkt daneben. Was zum Teufel ist das hier?

Kein Museum, zumindest kein öffentliches. Jürgen Ullrich arbeitet mit seiner stetig weiter wachsenden Harley-Davidson-Sammlung vielmehr an der Erfüllung eines Jugendtraums. Seit Jahrzehnten schon bereist er intensiv die Vereinigten Staaten, anfangs war es die pure Reise- und Entdeckerlust, nicht viel später brachte ihn auch sein Beruf mehrmals im Jahr über den großen Teich. »Ich habe mir nur selten für meine Touren durch Amerika eine Harley geliehen, sondern meist drüben eine gekauft. Immer wieder ein anderes Modell.« Da kommt im Lauf der Jahre was zusammen. Irgendwann gesellte sich zu den praktischen Aspekten dann auch noch eine ausgeprägte Sammelleidenschaft, und so stehen heute in seinem Privatmuseum rund 60 Harleys aus allen Epochen der Firmengeschichte. Und ein Ende des Wachstums ist nicht absehbar.

Begonnen hatte Jürgens Harley-Leidenschaft schon im Alter von 15, als er auf dem Cover eines Motorradmagazins die damals brandneue Wide Glide sah. »Die wurde zu meinem größten Jugendtraum, aber bis ich dann tatsächlich eine hatte, sollte noch viel Zeit vergehen.« Weil es auch zwei Jahre später noch nicht für eine echte Harley reichte, baute er sich im Alter von 17 mit viel Herzblut eine NSU Max zum Chopper um und startete mit dieser bemühten Kopie in sein Motorradleben, weitere zwei Jahre später jedoch konnte er sich dann mit einer Low Rider endlich seinen ersten V-Twin aus Milwaukee in die Garage stellen. Nicht viel später begann er dann mit seinen ausgedehnten Trips durch die USA.

»Die Harleys, die ich drüben kaufte, ließ ich dann auch dort und stellte sie bei Freunden unter, wie es halt gerade passte. Irgendwann hatte ich dann schon so viele Bikes übers ganze Land verteilt untergestellt, dass das so nicht weitergehen konnte. In einer größeren Aktion habe ich dann alle ins Frankenland geholt, das war der Grundstock für meine Sammlung.«

Father & Son: Jürgen mit Vater Herbert vor einem Nachbau von Harleys »Ur-Werk« in Milwaukee.

Das älteste Modell im Stall, ein Model 7B von 1911, feiert in diesem Jahr seinen 109. Geburtstag. Der Motorrad-Ur-Opa steht da wie aus dem Ei gepellt und die Vermutung liegt nahe, dass es sich dabei um ein reines Ausstellungsstück handelt, doch weit gefehlt: »Mit dem Single werde ich beim Motorcycle Cannonball Endurance Run die USA von Nord nach Süd durchfahren«. Alle zwei Jahre findet in den USA diese Langstrecken-Fahrt in Gedenken an die legendären Ritte von Erwin »Cannonball« Baker statt, der zu Beginn des letzten Jahrhunderts mit einer Handvoll Pferdestärken  einen Coast-to-Coast-Rekord nach dem anderen einfuhr und so zum amerikanischen Volkshelden wurde. Schon 2016 nahm Jürgen an diesem außergewöhnlichen Event teil, damals jedoch mit seiner 11J, einem der allerersten Harley-Twins von 1915. 

In dem Jahr dauerte die Fahrt 15 Tage und führte von Atlantic City in New Jersey über 3300 Meilen ins kalifornische Carlsbad. Dabei gab es mit der gut hundert Jahre alten Harley so manch technisches Problem, doch ist Jürgen nicht nur Liebhaber, sondern auch Schrauber durch und durch und schaffte es trotz vieler Reparaturen bis an den Pazifik. Weshalb er sich auch wieder in die Starterliste hat eintragen lassen, denn »wer den Cannonball einmal geritten ist, der will das immer wieder tun«. 

Was für die ältesten Stücke in Jürgens Sammlung gilt, kann man getrost auf alle anderen Exponate übertragen: Alle Motorräder funktionieren und werden regelmäßig bewegt, die einen mehr, die anderen weniger, aber sie laufen allesamt und sind technisch fit. Wie z. B. auch der extreme Panhead-Chopper, über den Jürgen vor gut zehn Jahren in einer Anzeige stolperte. Schon am nächsten Tag saß er im Flieger und zog sich den Langgabler an Land. Um dann kurze Zeit später gemeinsam mit seinem Vater Herbert – der ihn auf einer 81er Sturgis begleitete – von der Pazifikküste in nur elf Tagen rund 5000 Meilen quer durchs Land bis nach Florida zu fahren. Natürlich stehen beide Bikes heute in Gänheim.

Doch auch mit vielen anderen Motorrädern aus seiner Sammlung verbindet Jürgen eine spezielle Geschichte, etwa mit der 65er E-Glide. »Vor ein paar Jahren suchte ich nach einer Harley, die dasselbe Baujahr hat wie ich. Da wurde die Electra-Glide in der Schweiz angeboten, und beim Telefonat mit dem Verkäufer stellte sich heraus, dass die Harley und ich sogar exakt gleich alt waren, denn der Tag ihrer Erstzulassung war der 19. April 1965 – mein Geburtstag. Die musste ich einfach haben.«

Das Problem war nur, dass der Verkäufer es sich inzwischen anders überlegt hatte und die Maschine gar nicht mehr verkaufen wollte, »aber ich habe dann nicht mehr locker gelassen.« Jeden Abend ruft Jürgen den Verkäufer an, um ihm die E-Glide doch noch aus den Rippen zu leiern, »dabei wurde das Motorrad natürlich immer teurer, außerdem kamen ja auch noch die hohen Einfuhrkosten hinzu – aber das war mir inzwischen egal.

Gut eine Woche lang habe ich ihn genervt, dann hat er aufgegeben. Er hatte wohl die Befürchtung, ich würde weiterhin jeden Abend anrufen, womit er übrigens vollkommen richtig lag.« So ist die ebenso schöne wie seltene E-Glide – nur im ersten Modelljahrgang von 1965 war noch der Panhead-Motor verbaut, ab 1966 fand sich dort schon das neue Shovelhead-Triebwerk – für Jürgen schon ein besonderes Schätzchen, doch könnte man das eigentlich von jedem Exponat hier sagen. Erst jüngst hat seine Harley-Familie weiteren Nachwuchs bekommen, unter den Neuankömmlingen findet sich auch ein besonderes VDS Seitenventiler-Gespann von 1935, das dereinst für die Leibgarde des spanischen Königs gebaut wurde. Das riesige Boot hat eine Tür, zwei Sitzplätze hintereinander und ist womöglich das letzte seiner Art. »Die stand lange im Dienst des Königs, bis sie dann ein Amerikaner in Spanien entdeckte und sie zurück in die USA brachte, jetzt habe ich sie erneut über den großen Teich geholt.«

Dass in Zukunft weitere Exemplare diesen Weg nehmen werden, ist schon jetzt absehbar, Jürgens Sammelleidenschaft ist noch immer nicht gestillt. Erschwerend kommt hinzu, dass er in den Staaten inzwischen viele gute Freunde hat, die ähnlich ticken wie er und ihm schon mal einen Wink geben, wenn ihnen ein besonderes Motorrad ins Auge fällt. Und da Jürgen ohnehin regelmäßig drüben ist, wird er wohl bald anbauen müssen, denn die Kapazität seiner eigentlich recht geräumigen Halle stößt dann doch langsam an ihre Grenzen. Kaum anzunehmen jedoch, dass er sich dadurch bremsen lässt.

Aus der Art: Für Jürgen ist sein XLCR 1000 Cafe Racer ein »schwarzer Diamant in der Harley-Geschichte«.