BOXERBASIS – RING FREI!

Jörg Illigen und Rick Wolf haben in Wuppertal eine heimelige Wohnstatt für erlesene Zweiventiler geschaffen. Besuch in einer sehr speziellen Motorrad-Community.

An der Basis: Rick Wolf (l.) und Jörg Illigen im Kreise ihrer Liebsten.

»Am Anfang gab es keinen Gedanken daran, aus unserer Leidenschaft für Motorräder, speziell für alte BMW’s, mal ein Business zu machen. Wir haben uns ganz und gar auf unser Designbüro konzentriert. Das Motorrad-Standbein hat sich erst mit der Zeit so ergeben, dass war eigentlich nicht geplant.« Jörg Illigen und Rick Wolf sind Inhaber des Designbüros Illigen Wolf Partner in Wuppertal, doch wenn man ihre Geschäftsräume betritt, wähnt man sich zunächst in einer erlesenen Motorradausstellung mit einem Schwerpunkt auf klassischen BMW-Modellen, bevorzugt Enduros, wie es scheint. Drängt sich ja schon die Frage auf, wie sich das »so ergibt«.

Speziell: Das Werkstatt-Equipment ist komplett, auch viele Spezialwerkzeuge sind stets griffbereit.

»Auf dem Motorrad sind wir beide schon seit Jahrzehnten unterwegs, halt seit unserer SR 500-Zeit. Wir lernten uns während des Designstudiums kennen und sind dann öfter gemeinsam auf Tour gegangen, bevorzugt in die Alpen. Als Rick dann auf eine GS umstieg, war ich noch skeptisch, mir schien das Motorrad einfach zu groß und zu schwer. Bis er sie mir dann mal für eine Fahrt überlassen hat. Danach wollte ich dann auch eine haben«, lacht Jörg, und erzählt von seiner ersten GS und den vielen Trips in die Berge.

Ricks Leidenschaft für die bayerischen Boxer entflammte schon im Kindesalter. »Ich bin in Italien aufgewachsen, im Alter von sieben bin ich mit meinen Eltern nach Südtirol gezogen. Eines Tages tauchte ein Trupp schwerer Motorräder an unserem Haus auf, nie zuvor hatte ich so große Maschinen gesehen. Solche Brummer waren in Italien zu der Zeit sehr selten, weil Motorräder über 350 Kubik mit einer Luxussteuer belegt wurden, das konnte sich kaum jemand leisten. Die sind einen ganzen Tag lang an unserem Haus hin und her gefahren und haben Fotos gemacht.« Was Rick damals vor seiner Haustür erlebte, war das Foto-Shooting für die Pressebilder der brandneuen R 80 G/S, »ich hatte keine Ahnung, was das für Motorräder sind, nur dass auf dem Tank BMW stand, habe ich mir gemerkt«. Da muss was hängengeblieben sein.

Übersichtlich: Ob Fahrwerkskomponenten, Rahmenhecks oder spezielle Ölwannen, jedes Teil findet einen höchst dekorativen Platz an der Werkstattwand.

Denn heute fällt es Rick schon fast etwas schwer, alle Boxer-Modelle aufzuzählen, die er seitdem sein eigen nannte. Auch Jörg blieb nicht lange bei seiner ersten GS, sondern ging schon bald zu den Anfängen der Baureihe zurück und wechselte auf ein Modell mit einem Schrägstrich zwischen dem G und dem S: »Ich fand es einfach charmanter, das Urmodell zu fahren.«

Und vielleicht wäre auch gar nicht viel mehr passiert, hätten nicht beide ein so großes Faible für seltene oder seltsame alte Motorräder. Nachdem sich beide außerdem noch eine R 75/5 zugelegt hatten, stolperte Rick eines Tages bei ebay über die Versteigerung einer Schek-BMW, einer echten – Kenner wissen um den Wert dieser Extrem-Enduro aus Wangen im Allgäu. »Alle aus meinem Bekanntenkreis waren sicher, das Motorrad würde für ein Heidengeld weggehen, deshalb hat keiner ein Gebot abgegeben. Offensichtlich dachten das Viele, denn am Ende war ich tatsächlich der Einzige, der auf das Motorrad geboten hatte. So landete das Schmuckstück für ganze 1200 Euro bei uns, das war schon mächtig schräg.« Und zugleich der Beginn einer besonderen Beziehung zu den Motorrädern von Herbert Schek, von denen bereits mehrere durch Ricks und Jörgs Hände gingen.

So erwachte bei den beiden auch die Liebhaberei für die spezielle Historie eines Motorrads und damit einhergehend auch für seltene Motorradteile. »Jede Schek-BMW ist im Prinzip ein Einzelstück, und wir hatten immer den Ehrgeiz, bei jedem Bike den Urzustand wieder herzustellen. Da musst du viel herumtelefonieren.« So lernt man dann auch jede Menge Leute kennen, und ständig schnappt man neue Offerten auf. »So bekamen wir durch einen Zufall auch den Kontakt zu einer BMW-Werkstattauflösung in Frankreich, da gab es viele alte Paris-Dakar-Teile, dazu spezielle Parts aus Magnesium. Am Ende haben wir alles aufgekauft, und so nahm unser Motorradbereich nach und nach immer mehr Raum und Zeit ein.«

Schon in den 90ern hatten sich Rick und Jörg als Designer selbstständig gemacht, erst vor zwei Jahren bezogen sie unweit von Wupper und Schwebebahn neue Räume im Stadtteil Barmen und gründeten dort neben dem Büro auch die »Boxer-Basis«. »Anfangs hatten wir noch überlegt, die Motorräder vom Designbüro abzugrenzen, schließlich könnten Kunden das auch falsch interpretieren, so nach dem Motto: Das Büro läuft nicht, also müssen sie auch noch an Motorrädern schrauben. Aber das haben wir zum Glück wieder verworfen, denn heute ist die Moped-Ecke für unser Designbüro ein echter Segen«.

Atmosphärisch: Hinter jeder Tür lauert Zweirad-Historie.

Und das gleich aus mehreren Gründen. Zum Einen haben es die beiden schon oft genug erlebt, wie sich bei Kunden sofort die Stimmung ändert, wenn sie zum ersten Mal ihr Büro betreten. »Beim Anblick der Motorräder ist zunächst alles andere vergessen, da kann vorher noch so viel Stress gewesen sein. Außerdem wird uns sofort technisches Verständnis zugeschrieben, da kommt erst gar nicht die Gefahr auf, dass Kunden uns als verkopfte Designer ansehen, die in einer kreativen Blase schweben. Spätestens beim Anblick der Werkstatt wird jedem klar, dass wir einen praktischen Bezug zu den Dingen haben, die auch für unsere Arbeit als Designer wichtig sind – halt das wir wissen, wovon wir reden, wenn es um Funktion, Konstruktion oder Werkstoffe geht.«

Doch kommt für Rick noch ein weiterer Aspekt hinzu: »Das Ganze hat für mich auch einen therapeutischen Ansatz, vor allem dann, wenn die Arbeit im Büro mal wieder eher stressig ist. Das Schrauben ist für mich dann wie eine Insel der Ruhe, die pure Erholung.«

Doch darf man die »Boxer-Basis« nicht als Motorradwerkstatt fehlinterpretieren. Rick und Jörg schrauben nur an den eigenen Maschinen, und auch da haben sie sich Grenzen gesteckt. Alle Motorräder werden samt und sonders in einer Fachwerkstatt von einem erfahrenen BMW-Schrauber mit Meisterbrief durchgecheckt. Motor, Getriebe, Fahrwerk, für all das haben wir Spezialisten im Umfeld.« Zumal bei einigen Maschinen besonderes Know-how gefragt ist, etwa bei der Michel-BMW, die dereinst für Langstreckenrennen auf die Räder gestellt wurde, ganze sechs Exemplare wurden davon gebaut. Auch solche Exoten werden in der Boxer-Basis wieder in genau den Zustand zurückversetzt, in dem sie vor vielen Jahrzehnten ausgeliefert wurden. »Wir haben uns dafür mit Günther Michel in Verbindung gesetzt, der damals gemeinsam mit seinem Bruder das Bike aufgebaut hat. Da entspricht ja quasi nichts mehr dem Original, bis hin zu den Einstellwerten. Aber das lässt sich alles herausfinden, ist halt manchmal eine echte Detektivarbeit.«

Oft kaufen sie auch malade oder schwer umgebastelte Bikes an und versetzen sie wieder in den Originalzustand, der jedoch nicht zwingend mit einer »Showroom-Kondition« gleichzusetzen ist. Am Anfang steht die Aufarbeitung der Historie des Motorrads, daraus ergibt sich dann zwangsläufig, welche Teile an genau diese Baureihe gehören, bis hin zu den richtigen Spiegeln. Wenn dann doch mal nachgefertigter Ersatz aus dem Zubehörmarkt her muss, wird auf Qualität geachtet: »Gerade bei den Nachfertigungen wird unglaublich viel Mist angeboten, Hauptsache billig. Da wird dann ein ursprünglich mal geschmiedetes Teil durch ein Gussteil ersetzt, und die Leute wundern sich dann, dass es bei der ersten Belastung auseinanderbricht.«

Durchblick: Zum Designbüro gehört auch ein Fotostudio, dass natürlich auch für die Bikes genutzt wird.

Auch der Originallack bleibt samt den Spuren der Zeit stets erhalten, selbst leicht abgeschabte Aufkleber oder Dekors werden nicht durch neue ersetzt, auch einen Motor strahlen zu lassen, käme den beiden nicht in den Sinn. »Früher hat man das vielleicht noch anders gesehen, aber heute ist ein unverfälschter Originalzustand mitsamt der Patina deutlich höher zu bewerten als ein rundum in den Neuzustand versetztes Bike. Manchmal kommen jedoch auch Interessenten zu uns, bei denen du sofort merkst, dass die keinen Sinn für so etwas haben. Denen glänzen dann die Speichen nicht gut genug, da wird über einen Kratzer auf dem Seitendeckel gemeckert, solche Sachen halt. Wir schätzen die Motorräder aber genau so wie sie sind, und genau so geben wir sie dann auch weiter. Technisch einwandfrei, absolut original, mit einer kompletten Historie und gut gepflegt. Aber sicher nicht neu lackiert.«

Als Händler müssen Rick und Jörg natürlich auch die gesetzlich vorgeschriebene Gewährleistung einräumen, doch hat die bis heute in all den Jahren kein einziger Kunde in Anspruch genommen. Und doch gab es ein besonderes Vorkommnis: »Ein Kunde hatte eine sehr schöne Standard-G/S bei uns gekauft, der rief zwei Jahre später wieder hier an. Er hätte eine wunderschöne Zeit mit der BMW gehabt, müsse aber nun aus Altersgründen mit dem Motorradfahren aufhören. Sein Wunsch war es, dass das Motorrad wieder zu uns zurückkommt und dass dieser Kreis sich somit für ihn wieder schließt. Dann hat er uns ein Angebot gemacht, bei dem wir nicht nein sagen konnten –und die G/S war wieder da.«

Das war das einzige Motorrad, das je wieder in die Boxer-Basis zurückgekehrt ist. Was wohl dafür spricht, dass Jörg und Rick mit ihrem hohen Anspruch an ihre Arbeit goldrichtig liegen.

Kontakt: www.boxerbasis.de

Schrauber-Domizil: In der schicken Werkstatt finden die Boxer zur alten Form zurück.