CAFEMOTO – KEEP IT SIMPLE

Georg Godde und Holger Maninger bauen in Gelsenkirchen unter dem Label cafemoto einzigartige BMWs. Gekonnte Weglassung ist jedoch nur ein Teil ihrer Kunst.

Rohbau: Das nächste Projekt ist noch im Frühstadium, doch für einen Roll-out reicht‘s allemal.

»Wie das alles anfing? Praktisch mit 16 auf ’ner Kreidler. Emotional allerdings schon drei Jahre früher. Ich war 13, als mein Cousin mich mal auf seiner Z 1000 mitnahm. Und wenn du in dem Alter eine Z 1000 erlebst, dann bist du geliefert. Am Ende bin ich dann aber trotzdem zum Boxer gekommen.« Georg Godde erinnert sich noch gut an seine Sturm- und Drangzeit, die er nach der heftigst heißgemachten Kreidler – die ihren Stellplatz neben seinem Bett hatte – zunächst auf einer GS 400, später dann auf einer DKW RT 175 VS durchlebt.

Hobby-Label: cafemoto baut keine Motorräder, um damit Geld zu verdienen. Pure Selbstbefriedigung.

Zwischenzeitlich entdeckt er seine bis heute anhaltende Leidenschaft für Vespas und restauriert eine 180er, bis ihn dann ein Testride auf der R 50/5 eines Freundes auf einen ganz neuen Trichter bringt: »Ich hatte bis dahin nur die Strich-Sechs und -Sieben-Modelle auf dem Schirm, das es auch schon eine Strich-Fünfer gegeben hat, war mir irgendwie nicht präsent. Die Probefahrt mit der R 50 fand ich eigentlich extrem abtörnend, an dem Mopped ging alles schwer, da war auch keine Leistung zu spüren – aber ich fand die Form total geil.« Und weil für Georg die Form eines Motorrads schon damals durchaus ein entscheidendes Kriterium war, zieht er seine Schlüsse: »Ich hab’ mir dann eine R 60/5 an Land gezogen, die wurde meine erste BMW. Hatte wenigstens etwas mehr Leistung.«

Perfektes Ambiente: Die Räume von 08/15-Design lassen keinen Zweifel, woran das Herz der Inhaber hängt.

Der 600er-Boxer trägt ihn dann über Jahre hinweg ohne Probleme kreuz und quer durch Europa und Georg vertieft seine Leidenschaft für die bayerische Marke, doch lebt er auf zwei Rädern auch andere Obsessionen aus. So erweitert er seinen Fuhrpark um eine Egli-CB 1100 R, die er unter einer dicken Staubschicht in der hintersten Ecke einer Tiefgarage entdeckt. »Die ging auf 250 wie nix, das war die pure Ballistik.« Auf dem Rückweg von einem Egli-Treffen in der Schweiz jedoch verliert Georg das Rennen gegen ein anderes Superbike in der Höhe von Bruchsal nicht etwa deshalb, weil er zu langsam ist, sondern weil ihm der Motor hochgeht. »War aber gar nicht schlimm, wahrscheinlich sogar eher besser so. Ich hatte eh’ das Gefühl, dass ich für dieses Bike damals einfach noch nicht reif genug war. Ich hab’ sie dann an einen Taxi-Fahrer aus Bremen verkauft, der nach Jamaika auswandern wollte. Dürfte heute die einzige Egli auf Jamaika sein.«

Georg fährt weiter seine BMW, bis ihm dann sein zeichnerisches Talent ermöglicht, einen weiteren Motorradtraum auszuleben: »Ich hatte den Wunsch, den viele haben – auf einer fetten Harley über die Route 66, einmal quer durch. Die Bikes in Chicago kaufen und dann los. Hatte mir ausgerechnet, dass ich dafür 10.000 Mark brauchen werde und sparte schon darauf, als mir der Job angeboten wurde, Innenausstattungen für Yachten zu zeichnen, so was konnte ich ganz gut. Die haben mir pro Zeichnung 1000 Mark gezahlt, ich hab’ zehn Zeichnungen gemacht und hatte die Kohle drin. 1994 sind wir dann rübergeflogen.«

Wenn Georg dann davon erzählt, was auf diesem Trip alles schief ging und welch schräge Typen dort seinen Weg kreuzten, könnte man ihm stundenlang zuhören, und das mach’ ich dann auch. Denn immer spielen dabei auch Motorräder eine Rolle oder stehen gar im Mittelpunkt und es besteht kein Zweifel daran, dass die Leidenschaft bei ihm sehr tief sitzt. Die Harley verkauft er schließlich, um einen Anbau am Haus der Eltern zu finanzieren, sein heutiges Büro. »Aber ich hab’ noch Geld genug übrig gelassen, um ein neues Umbauprojekt zu starten.«

Hommage: Der K-1100-Look ist eine Reminiszenz an die US-Superbike-Serie der 80er.

Womit wir endlich beim Thema sind. Denn vor allem durch sein Wirken als Customizer bin ich auf Georg aufmerksam geworden. »Das fing schon im Jahr 1986 an, vor knapp 35 Jahren, mit der ersten 1000er BMW.« Der innere Drang, Dingen eine eigene Form zu geben, macht sich schon früh in ihm breit und führt ihn unter anderem auch schnurstracks in seine heutige Berufung. Nach einer Lehre als Licht- und Werbetechniker studiert er in Essen Industriedesign und lernt dabei auch seinen Freund und Partner Holger Maninger kennen, gemeinsam sind sie Inhaber der Agentur »08/15-Design« in Gelsenkirchen. Von ihrer Arbeit als Designer leben sie heute auch, die Motorräder bauen sie vor allem für sich selber. »Wir haben auch schon Motorräder für Kunden gebaut, wobei den technischen Part eine Fachwerkstatt übernommen hat. Wir haben dann das Design entwickelt, aber solche Projekte waren Einzelfälle. Wir fanden es dann doch eher störend, dass Kunden bisweilen eigene Wünsche haben. Wir realisieren nur noch unsere eigenen Ideen, dass ist ohne Kunden viel leichter. Außerdem wollten wir nie ein Business daraus machen, unseren Lebensunterhalt erwirtschaften wir mit der Design-Agentur. Deshalb störte uns auch irgendwann, dass unser Firmenname »08/15-Design« immer in Verbindung mit den Bikes auftauchte. Vor sechs Jahren etwa haben wir dem Ganzen dann den Namen »cafemoto« gegeben, dass ist aber nicht mehr als ein Name, da ist keine Company dahinter. Nennen wir es ein intensives Hobby.«

Perfect simple: R 60/5-Scrambler

Wie viele Umbauten es bis heute geworden sind, können die beiden aus dem Stand gar nicht sagen. »Irgendwann haben wir mal damit angefangen, die Bikes durchzunummerieren, doch es gab vorher schon Projekte. Aber die Anzahl spielt eh’ keine Rolle, du hast ja eh’ nur einen Arsch. Das jedes Bike für sich etwas Besonderes ist, erscheint uns viel wichtiger.« So verwandelten sie schon alte Zweiventil-Boxer in knackige Scrambler, Speed Bobber oder Cafe Racer, als noch niemand sonst darüber nachdachte, wobei sie stets der Marke BMW treu bleiben. »Du bewegst dich da auch in einem Baukastensystem und kannst Komponenten verschiedener Modelle kombinieren. Wenn du dich mit den einzelnen Baureihen auskennst, eröffnen sich viele Möglichkeiten der Optimierung, das hat was.«

Denn so wichtig den beiden natürlich das Design eines cafemoto-Bikes ist, so großen Wert legen sie auch auf eine tadellose Performance auf der Straße. »Wir bauen keine Showbikes. Das nächste Projekt geht zwar eindeutig in die Richtung, da ordnen wir ausnahmsweise tatsächlich dem Look alles andere unter. Aber das wird ein Einzelfall bleiben und ist zur Zeit eh’ noch im Rohstadium. Ansonsten bauen wir nur Motorräder, die auch tolle und zuverlässige Fahrmaschinen sind.«

Dabei schrecken Georg und Holger auch nicht vor Ziegelsteinen zurück, wobei ihre cafemoto 003 – eine schwerstindividualisierte K 100 RS – einen gewissen Hang zur Radikalität unterstreicht. Gedacht als Hommage an die glorreichen Bikes der US-Superbike-Champions, strippten sie den 281-Kilo-Klotz um mehr als 40 Kilo, modifizieren den Rahmen und geben dem Motorrad so eine völlig neue Linie. Das Fahrwerk optimieren sie nur minimal, legen das Rahmendreieck frei und stecken den Schalldämpfer einer KTM 1290 R auf modifizierte Remus-Edelstahlkrümmer. Motortuning war nun gar nicht mehr vonnöten, denn 100 PS und in der Spitze 107 Nm reichen vollkommen aus, um den dereinst leicht pummeligen Sporttourer im neuen Slim-fit-Layout auf Augenhöhe mit einer XJR 1300 zu bringen.

Ähnliches gelang cafemoto mit einer R 1100 RS, ihrer Nummer »005«, die im vollverschalten Serienornat bei der Wahl zum »Ugliest Bike ever« sicher gute Aussichten aufs Podium hätte. Ausgerechnet aus diesem plumpen Vogel einen echten Racer zu machen kommt dem Versuch gleich, einen Truthahn zum Wanderfalken umzuoperieren. Und doch gelang es, wobei auch bei diesem Umbau am Ende ein ganzer Zentner auf der Strecke blieb. Vollgetankt wiegt die RS jetzt noch schlanke 200 Kilo, ansonsten konzentrierten sich die beiden darauf, »den guten Kern rauszuarbeiten«, wie sie es nennen.

Zulieferer des Vertrauens: Auspuffanlagen lässt cafemoto in der Auspuffschmiede in Viersen fertigen.

Was im Fall der RS nicht wirklich einfach war, denn das normalerweise durch eine Verkleidung vollkommen zurecht verdeckte Telelever wird an der »005« ohne Gnade offen zur Schau gestellt. »Das Telelever-System funktioniert gerade auf etwas schlechteren Straßen extrem gut, doch wenn man es nicht versteckt, ist es schwierig, eine optisch stimmige Linie zu finden. Entscheidend war da die Position des Tanks.« Den Umbau vor Augen mag man jetzt gar nicht glauben, dass sich unter der opulenten RS-Schale ein derart reduzierter Kurvenjäger verbirgt.

Das nächste Projekt steht wie gesagt schon in der Werkstatt, erneut wird eine große »K« ihren Serien-Look verlieren. Georg rollt erst den aktuellen Rohbau auf den Hof, dann zeigt er mir den fertigen Entwurf auf dem Rechner, doch alle in mir aufsteigenden Fragen – und das sind nicht wenige … – würgt er im Ansatz ab. »Komm’ wieder, wenn sie fertig ist. Dann erzähl ich dir auch was dazu.«

Beim Abschied werfe ich noch einen Blick auf die G 650, die bei cafemoto zu einem hochbeinigen Tracker mutiert ist. »Hat so auch noch keiner gemacht, ich kenne überhaupt weltweit nur zwei Umbauten der G. Aber das ist wieder eine andere Geschichte.« Stimmt. Das ist eine andere Geschichte …

Mehr über cafemoto unter cafemoto.de

Noch’n Schmuckstück: Ehemals R 100/7, jetzt Club-Racer.