HARLEY-DAVIDSON FLH SHOVELHEAD/VT-SIDECAR – AUSGEKNOBELT

Die Harley von Uli Vanselow kam vor 40 Jahren als FLH zur Welt, wurde zum Chopper verwandelt und drohte zum Standbild zu werden. Dann kam dieser Abend …

Gut lachen …: Die Shovelhead von Uli Vanselow mutierte nach ewiger Standzeit zum Halbtonner.

»Mein Freund Bertold wusste schon immer sehr genau, wie seine Traum-Harley aussehen muss: unten drin ein Shovel, dazu eine Springergabel, zum Festhalten ein Ape-Hanger, außerdem ein knackiger Sitz und eine Sissybar. Sonst möglichst wenig von allem. Und natürlich Fußkupplung und Handschaltung, musste auch unbedingt sein. Und genau so stand sie dann auch da.«

Uli Vanselow schwelgt kurz in Erinnerungen, als er mir von der Vorgeschichte seines Harley-Gespanns erzählt und muss dann lachen: »Gekauft hab’ ich sie nach einem langen Knobelabend, da war’n aber auch ein paar Whiskys zu viel im Spiel.« Am Ende der feuchten Runde hatte Uli das Thema noch auf seine Werkstatt gebracht, in der er endlich mal Ordnung schaffen wollte.

Wie aus einem Guss: Motorrad und Boot passen hervorragend zusammen, als wäre es nie anders gewesen.

Und weil dort auch seit Jahren schon die Shovel seines Knobelfreundes Bertold gravierende Standschäden riskierte, setzte Uli ihm an dem Abend ein Ultimatum: »So ging das nicht weiter, die Kiste stand bei mir nur rum, das war kein Motorrad mehr, das war ein Standbild. Einmal im Jahr bin ich mit ihr wenigstens eine große Runde um die Talsperren gefahren, damit nix festrostet. Immerhin hat sie nicht geölt.« Dass die Harley kaum auf die Straße kam, lag vor allem daran, dass ihr Besitzer sie nicht wirklich bedienen konnte. »Bertold hatte vor langer Zeit einen heftigen Unfall, seitdem ist sein Bein ziemlich kaputt. Leider stellte er erst hinterher fest, dass ihm die Fußkupplung auf Dauer schwer zusetzt. Außerdem hatte die Kiste keinen E-Starter, und das mit dem Ankicken klappte auch nicht wirklich gut.«

Trotz allem hatte Uli keine Lust mehr, der Shovel noch länger Asyl zu gewähren. Erstens braucht er selber den Platz für seine vielen Harley-Schätzchen selber, zweitens kann er Motorräder, die einfach nur rumstehen, schlecht ertragen: »Da musste irgendwas mit passieren, und das hab’ ich Bertold an dem Abend auch gesagt. Verkauf’ sie oder bau’ sie um, aber mach’ irgendwas damit!« Unter Druck kam sein Freund dann nur auf die Antwort: »Dann kauf’ du sie doch!«
»Mach ich auch!«
»Dann mach doch!«
»Dann bau ich sie aber auch um!«
»Pff, mach’ doch …«
»Dann aber als Gespann!« wirft Knobelbruder Wolfgang ein.
»Aber wenn Gespann, dann mit Stollenreifen!« beendet Uli die Umbaupläne, und dreht nochmal den Verschluss von der Flasche. Ob einer der beteiligten zwischendurch auch noch mit dem Fuß aufgestampft hat, ist nicht überliefert.

Solo-Vorleben: So sah die Harley vor dem Umbau zum Gespann aus.

Ein paar Tage später wird Uli dann von seinem Freund an das recht formlose Verkaufsgespräch erinnert, erst da dämmert ihm wieder, dass es sogar einen Handschlag gab. »Ich hatte das echt nicht mehr auf dem Schirm, wie gesagt, zu viel Whisky.« Aber ein Sauerländer steht zu seinem Wort, sie einigen sich auf siebentausend Euro und Uli konnte nun darüber nachdenken, wie er das hinkriegt mit dem Gespann. »Ich hab’ dann den Manni Klocke angerufen. Der macht nur Harleys und baut wunderschöne Gespanne, mit dem wollte ich zuerst sprechen.«

Manfred Klocke und sein Partner Uwe Brieler sind in der Harley-Szene längst keine Unbekannten mehr, schon seit den frühen Neunzigern entstehen in ihrem Betrieb V-Triebwerk im westfälischen Rietberg ganz besondere Motorräder, die meisten davon mit einem dritten Rad. Dabei verstehen sie sich ausdrücklich nicht als Gespannbauer, denn ein Gespann ist ein Gespann und wird auch immer ein Gespann bleiben, bei V-Triebwerk jedoch werden Motorräder mit Beiwagen gebaut – der Solobetrieb der Maschine bleibt also eine Option.

Früh schon entwarfen und formten sie nach klassischen Vorbildern ein Boot, das den 50er Jahren entsprungen scheint und neben beinahe jedem Motorrad eine gute Figur macht, neben einer Harley mal sowieso. Doch neben dem stylischen Retro-Look glänzt die Beiwagenschale noch mit einem weiteren Feature: Sie ist in Handarbeit aus Stahlblech geformt – so etwas gibt es wirklich noch.

»Eigentlich war mir von Anfang an klar, dass da genau dieses Boot dran muss, aber ich hatte noch so ein paar andere Ideen und wollte wissen, was Manni Klocke dazu sagt und ob er mir so etwas bauen kann.« Auf Uli’s Wunschliste standen zum Beispiel der hohe und breite Lenker samt Querstrebe, dahinter ein klassischer, zweigeteilter Tank und eine stilechte Solositzpfanne, Fußkupplung und Handschaltung sollten beibehalten werden. Ganz wichtig waren ihm die Stahlspeichenfelgen, für die am Ende noch ein Seitenkräftegutachten vorgelegt werden musste, und dass auf alle drei Felgen der TKC 80 von Conti in der Dimension 150/70 aufgezogen werden sollte, war ebenfalls klar.

Rechtsausleger: Ulis Harley ist kein Gespann, sondern ein Motorrad mit Beiwagen un dkann auch solo gefahren werden.

Und so verwandelt sich die im Juli 1981 als Tourer erstzugelassene FLH über den Jahreswechsel von 2014 zu 2015 ein weiteres Mal und mutiert vom reduzierten Chopper zum Halbtonner auf drei Rädern. 510 Kilo wiegt die Wuchtbrumme jetzt und ist mit dem 66 PS starken, 1319 Kubik großen V-Twin der Late-Shovel-Ära nicht wirklich übermotorisiert. »Also wenn ich mit der mal hundert fahre, dann ist das schon schnell, passiert auch eher selten.« Das Stahlblechboot ist mit einem 4-Punkt-Anschluss ans Motorrad geschraubt, neben der prächtigen Form fallen an dem Beiwagen auch sofort die beiden liegenden Federbeine auf, die gut sichtbar und von einem praktischen Trittrost geschützt vor dem dritten Rad platziert sind. »Die sind von den Softail-Modellen«, klärt Uli mich auf, »da kann ich über eine zentrale Schraube die Vorspannung einstellen.«

Rundherum kneifen jetzt 4-Kolben-Festsattelbremsen in 292er Scheiben, wobei die Bremskraft, die auf das Seitenwagenrad einwirkt, individuell eingestellt werden kann, um ein Überbremsen zu verhindern. Die Springergabel musste einer massiven Gabel aus der Harley-Tourerfamilie weichen, wobei der Lenkkopf unangetastet blieb. Das daraus resultierende Fahrverhalten darf als ebenso ursprünglich bezeichnet werden wie die gesamte Erscheinung, und das man ein Motorrad samt Beiwagen am besten mit dem feinen Zusammenspiel von Gas und Bremse um die Ecken kriegt, lernt man auf der Harley sehr rasch.

Gewöhnungsbedürftig: Unten die Fußkupplung, am Tank der Schalthebel.

Auch die Beibehaltung von Fußkupplung und Handschaltung ist auf drei Rädern so eine Sache: »Du brauchst auf dem Gespann spätestens kurz vor einer Kurve immer beide Hände am Lenker, mit nur einer Hand machst du da gar nix. Du musst also vorher schon geschaltet haben. Auch das sie nur vier Gänge hat, ist nicht so wirklich ideal. Muss die Kiste jedenfalls manchmal viel höher drehen, als mir lieb ist, gibt ja schon den einen oder anderen Berg im Sauerland.«

Der breite Edelstahllenker stammt von V-Team und klemmt fast fünf Zentimeter über der Gabelbrücke, Schalter und Handgriffe kommen von PM Performance Machines, der rollengelagerte Gaszug der Firma Müller verschwindet im Lenker. Alle Bremsleitungen sind mit Stahlflex ummantelt, ein einstellbarer Reibdämpfer aus V-Triebwerk-Produktion sorgt für Ruhe während der Fahrt, die mit Bleigranulat gefüllte und rund 30 Kilo schwere Wärmflasche unter dem Beiwagensitz bekam Uli von einem Freund geschenkt. Doch hätte es kaum einen Unterschied gemacht, wenn der TÜV auch die noch in die Papiere eingetragen hätte, denn auch ohne die Wärmflasche ist der Text im Fahrzeugschein unter dem Punkt 22/»Bemerkungen und Ausnahmen« in etwa so lang wie eine Kurzgeschichte von Mark Twain, liest sich jedoch nicht ganz so flüssig.

190 Kilo darf Uli seinem Gespann insgesamt auflasten, und da die Zugmaschine ein Solo-Seater ist, dürfte das mehr als ausreichend sein. »So wirklich weite Fahrten mache ich damit auch gar nicht, bis in den Schwarzwald runter bin ich allerdings schon gekommen. Immer schön über Land, ganz piano. Fahre mit dem dritten Rad jedenfalls unheimlich gerne, ist immer wieder besonders. Das erdet einen irgendwie.«

So wie auch schon seine erste Fahrt mit der frisch umgebauten Harley, denn als Uli das fertige Gespann in Rietberg abholt, wird er zunächst mal gefragt, wo denn sein Trailer ist, um den Brummer zu transportieren: »Wieso Trailer? Das Teil ist doch zugelassen, ich fahr’ damit jetzt nach Hause.« Die rund hundert Kilometer lange Tour über Land zurück in seinen Heimatort Balve war für Uli allein deshalb schon ein Erlebnis der besonderen Art, weil er nie zuvor auf einem Gespann gesessen hatte.

Feddich: Kurz nach der Fertigstellung bei V-Triebwerk in Rietberg.

»Aber das hat vom ersten Meter an sofort hervorragend funktioniert, selbst diese erste Fahrt konnte ich schon genießen.« Erst später sollte seine noch jungfräuliche Gespannerfahrung ihm noch Schmerzen bereiten, als er bei einem etwas zu dynamischen Fahrmanöver die falsche Entscheidung trifft: »Ich hätte in dem Moment Gas geben müssen, um das Gespann wieder in eine stabile Lage zu kriegen, stattdessen habe ich gebremst. Und dann bin ich auch schon geflogen …« Der Harley passiert dabei so gut wie nix, Uli bricht sich vier Rippen und weiß jetzt, wie er beim nächsten Mal reagieren wird.

So steht die Harley, die Uli eigentlich loswerden wollte, also weiterhin in seiner Werkstatt und braucht nun sogar noch deutlich mehr Platz als zuvor. Doch muss sie sich unter all den anderen dicken Twins aus Milwaukee nicht mehr fühlen wie ein ungebetener Gast, gehört sie doch jetzt zur Familie. »Ist jetzt sogar einer meiner Lieblinge, auch für meine Gäste ist das ein echter Hingucker.« Uli ist Hausherr im »Haus Recke« in Balve, sein Hotel und seine Küche sind in Motorradfahrerkreisen ebenso bekannt wie beliebt. In schöner Regelmäßigkeit zieht Uli seine Motorrad-Gäste auch über die verschlungenen Pfade seiner Heimat, und das überwiegend auf traumschönen Single-Tracks, die man selber wohl nie gefunden hätte. »Dafür habe ich mir extra noch eine GS zugelegt, da fahr’ ich ungern mit so einer dicken Harley vorweg.« Das ist für ihn aber auch die einzige Ausnahme von der Regel: »Ich fühl’ mich auf Harleys einfach sauwohl, diese Motorräder haben alles, was mich am Motorradfahren fasziniert. Mag sein, dass sie nicht perfekt sind, aber das muss ein Motorrad auch nicht sein. Mir gefällt allein schon die recht einfache Technik, und ob so ein Bike jetzt 250 oder 350 Kilo wiegt, ist doch auch egal. Ich will sie ja nicht durch die Gegend tragen.«

Und wer eine schöne alte Harley loswerden will, sollte vielleicht mal bei ihm einkehren. Vielleicht ergibt sich ja eine Knobelrunde …

Vita: Im Juli 1981 wurde die FLH als Tourer erstzugelassen, dann zum reduzierten Chopper umgestrickt und über den Jahreswechsel von 2014 zu 2015 schließlich zum Dreirad.