RIDER’S DIGEST – BELEIDIGT?

Arschloch! – wie teuer? Für Beleidigungen im Straßenverkehr gibt es keinen Bußgeld-Katalog. Ein Arbeitskreis soll jetzt endlich Abhilfe schaffen, doch scheint das gar nicht mal so einfach zu sein – hören wir doch einfach mal rein …

»Ich weiß wirklich nicht, wie wir da eine einheitliche Linie reinkriegen sollen. Die verhängten Strafen sagen doch nichts über die Schwere der Straftat aus. Allein zum ,Arschloch‘ habe ich hier Bußgelder von 500 bis 1500 Euro. Was soll man damit anfangen … so kann ich nicht arbeiten!«

»Reg dich ab. Wir sollen nicht die deutsche Rechtsprechung revolutionieren. Wir sollen einen Bußgeld-Katalog für Beleidigungen im Straßenverkehr erarbeiten, der als Richtschnur dient. Nicht mehr.«

»Das weiß ich auch, bin ja nicht blöd. Und dass wir uns dabei auf bereits ergangene Urteile stützen sollen, weiß ich auch. Aber was ist das für eine Stütze – bei diesen Unterschieden?«

»Vergiss die Summen. Entscheidend sind die Tagessätze. Gutverdiener zahlen natürlich mehr als Hartz 4-ler.«

»Aber ist das nicht komisch?«

»Wieso?«

»Weil der Eine für eine ,Alte Sau‘ tausende Euros bezahlt, der Andere nur ein paar hundert. Aber für den Beleidigten ist doch beides gleich beleidigend.«

»Mag sein. Aber hier geht es ja nicht um den Beleidigten.«

»Nicht?«

»Nein. Das sind keine Schmerzensgelder, sondern reine Bußgelder. Die kassiert der Staat. Wir sollen die Beleidigungen nur in Güteklassen einteilen und ihnen Bußgeldhöhen zuordnen. Damit gleiche Beleidigungsklassen im ganzen Land gleich weh tun.«

»Aha. Trotzdem Blödsinn, da von alten Urteilen auszugehen. Die sind doch total willkürlich, hier: Das eine Gericht verhängt für ,Dusselige Schlampe!‘ 15 Tagessätze, das andere 25. Falls du noch ein Beispiel brauchst: ,Du Pillemann‘. In Karlsruhe 30 Tagessätze, in Oldenburg nur fünf!«

»Hmm, in Oldenburg gehört das vielleicht noch zur erweiterten Mundart …«

»Aber das ist doch Humbug!«

»Deshalb sollen wir ja diesen Katalog erarbeiten! Damit ein ,Vollpfosten‘ oder eine ,Blöde Hackfresse‘ in Bottrop genauso viel wert ist wie in Ulm.«

»Das geht gar nicht, schon wegen der Dialekte. Auch dazu gibt es Urteile, … hier: Wenn im Schwäbischen jemand ,Leck mich am Arsch‘ zu dir sagt, ist das keine Beleidigung. Hat das Amtsgericht Ehingen so entschieden. In Bonn zahlst du dafür mit Pech einen Monatslohn.«

»Okay, diese folkloristischen Härtefälle müssen wir dann an regionale Arbeitskreise delegieren. Aber das hindert uns doch nicht, diesen Katalog zu erarbeiten.«

»Aber es ist unmöglich, da ein klares Prinzip reinzukriegen.«

»Nichts ist unmöglich. Manche Dinge muss man einfach tun. Oder glaubst du etwa, dass hinterfragt hinterher noch einer?«

»Von mir aus …, wie sollen wir es angehen … alphabetisch?«

»Egal.«

»Dann fangen wir doch einfach mit den Sonderangeboten an, hier: ,Bekloppter‘, ,Armleuchter‘, ,Wichser‘, ,Dumme Kuh‘, ,Witzbold‘, ,Dumpfbacke‘, ,Gurkenschäler‘, ,Blödes Schwein‘ – bislang alles in etwa eine Preisklasse. Der günstigste Einstieg sozusagen.«

»Was? ,Witzbold‘ und ,Blödes Schwein‘ sind gleich teuer? Kann doch gar nicht sein!«

»Doch, darüber gibt’s Urteile!«

»Unfassbar …«

»Aber es kommt noch besser, hier … ,Miststück‘ ist sogar rund fünfmal teurer als ,Blödes Schwein‘, kann bis zu 2500 Euro kosten. Selbst ,Bei dir piept’s wohl!‘ wird mit einem deutlich höheren Bußgeld belegt.«

»Echt? Das sag ich zuhause fünf Mal am Tag. Das ist doch total daneben.«

»Schau in die Urteile. Aber das war ja noch nicht alles, es geht auch noch skurriler.«

»Da bin ich aber gespannt …«

»Hier, ein Rentner, der sich deutlich zu streng kontrolliert fühlte, schrie bei einer Verkehrskontrolle die beiden Polizisten an: ,Wollen sie mich ficken?!‘ Die zeigten ihn wegen Beleidigung an, doch das Amtsgericht Neu-Ulm wertete das als zulässige Frage. Freispruch.«

»Erstaunlich. Mein Schwager hat mal 600 Euro bezahlt, weil er zu einem Polizisten ,Du Mädchen‘ gesagt hat. Das ist dagegen doch vollkommen harmlos.«

»Ich denke, teuer war da nicht das Mädchen, sondern das Du.«

»Ach quatsch …«

»Doch, bestimmt. Deshalb hatte auch der Rentner Glück. Hätte er ,Willst DU mich ficken?!‘ gesagt, wär’s für ihn richtig teuer geworden. Einen Polizisten duzen geht gar nicht, so werten das jedenfalls bislang die Gerichte.«

»Das ist doch völlig gaga.«

»Eben. Mehr Beispiele? …«

»Och, weißt du …«

»Zum Beispiel das hier: Du darfst jemanden ungestraft ,Parkplatzschwein‘ nennen, wenn er unberechtigterweise auf einem Behindertenparkplatz steht. Das Amtsgericht Rostock hat geurteilt, dass das keine persönliche Beleidigung durch die negativen Eigenschaften eines Schweins sei, sondern lediglich ein individueller Hinweis auf egoistisches Verhalten.«

»Hör auf, dass ist ja wie im Bauerntheater. Lass uns doch bitte einfach anfangen!«

»Vielleicht kümmern wir uns erstmal um die beleidigenden Gesten. Die sind doch auch eindeutiger, oder?«

»Findest du?«

»Ein Stinkefinger ist ein Stinkefinger, an der Nordee-Küste wie im Hochgebirge. Kann der Staatskasse viertausend Euro bringen.«

»Echt jetzt?! So viel?«

»Den Ring aus Daumen und Zeigefinger gibt‘s schon für 750.«

»Moment mal …, der Finger ist mehr als fünfmal teurer als das Loch, in das man ihn steckt?«

»Genau.«

»Das sollten wir vereinheitlichen. Rein visuell liegt das doch recht nah beieinander.«

»Machen wir dann den Finger deutlich billiger oder das Loch deutlich teurer?«

»Hmm … vielleicht sollten sie sich in der Mitte treffen.«

»Das möchte ich mir jetzt gerade lieber nicht vorstellen …«