IRON BUTT – LONG WAY TO EISENARSCH

Von einem, der auszog, ohne recht zu wissen, warum. 22 Stunden und 1716 Kilometer später war er wieder zurück und hatte noch immer keine Antwort darauf gefunden. Aber immerhin war er fortan Mitglied der »Iron Butt Association«. Und ist jetzt auf ewig ein Eisenarsch.

Da geht’s lang: Wer ein Eisenarsch werden will, muss einen verdammten Tag lang den Horizont anpeilen und in der Zeit mindestens 1000 Meilen abreiten – 1600 Kilometer sind aber auch okay.

»Die Schwalbe fliegt über den Erie-See, Gischt schäumt um den Bug wie Flocken von Schnee; von Detroit fliegt sie nach Buffalo – die Herzen aber sind frei und froh, …«

Ich weiß noch sehr genau, wie ich mir diesen Knittelvers eine gute Zeit lang wie ein stumpfes Mantra ohne Unterlass in den Helm murmelte. Es war tief in der Nacht, vielleicht drei oder vier Uhr, ich zog irgendwo im Nirgendwo eine vollkommen leblose, rundum tiefschwarze Autobahn unter mir durch und hätte in diesem Moment jeden Eid geschworen, dass ich der letzte Mensch auf der Welt bin: I am Legend – aber so was von!

Fontanes Ballade, ein mentaler Restposten aus meiner gymnasialen Diaspora, kam mir dabei wohl deshalb in den Sinn, weil sich vielleicht auch John Maynard als Steuermann so gefühlt haben muss, als sein Boot Feuer fing und das rettende Ufer noch so weit schien: »… und ein Jammern wird laut: Wo sind wir? Wo? Und noch fünfzehn Minuten bis Buffalo …«

Letztes Licht: Wenn die Schatten lang werden, kündigt sich damit auch eine lange Nachtetappe an.

Fünfzehn Minuten – damals ein Traum für mich. Ein feuchter. Denn ich hatte zu dem Zeitpunkt zwar schon zehn oder elf Stunden abgeritten, bis zum rettenden Ufer allerdings in etwa noch einmal dieselbe Distanz vor der ganz schön kalten Brust. Allein der Gedanke daran raubte mir den Schlaf, was man auf einem Motorrad bei Tempo 150 ja durchaus noch als Vorteil verbuchen kann. Und tatsächlich nagte vor allem eine ganz andere Frage an meinem Nervenkostüm, eine, auf die ich zum Verrecken keine Antwort fand: »Warum tue ich das? Warum nur?«

Mein Plan war es nämlich, innerhalb von 24 Stunden all unsere 16 schönen Bundesländer einmal zu besuchen, wenn auch zum Teil nur kurz. Dabei stand weniger dieser territoriale Kontakt im Vordergrund, die Route war nur deshalb so gewählt, damit ich für diesen stumpfen Ritt wenigstens noch ein alternatives Alibi habe. Denn eigentlich ging es einzig und allein um die zurückgelegte Strecke: Gut 1600 Kilometer in 24 Stunden. Oder wie ein Eisenarsch sagen würde: es ging um einen »Saddle-Sore«. Der »Sattel-Schmerz« ist die niedrigste Einstiegshürde, um in die Gemeinschaft der »Iron Butts« aufgenommen zu werden, und schon die nimmt man nicht im Vorbeifahren. Das wäre auch nicht im Sinne der amerikanischen Gründerväter, die in den 1980ern extreme Langstreckenfahrten in den USA populär machten.

Die Iron Butt Association (IBA) wurde im Jahr 1984 eigentlich nur gegründet, um die erste Iron-Butt-Rallye durchzuführen, die es übrigens bis heute gibt. Noch immer versammeln sich alle zwei Jahre irgendwo in Nordamerika rund hundert Unerschrockene, um sich der »World’s Toughest Motorcycle Competition« zu stellen und an elf aufeinanderfolgenden Tagen jeweils mindestens tausend Meilen mehr auf ihren Tacho zu schrauben. Doch reichen 11.000 Meilen bei weitem nicht aus, will man die Rallye nicht nur als »Finisher« überstehen, sondern auch um den Sieg mitfahren. Da sollte man in den elf Tagen schon zwei– bis dreitausend Meilen mehr abspulen, schließlich leben nur wenige Motorradclubs ihren Slogan so kompromisslos wie die Iron Butts: »The world is our Playground«.

Und noch ’ne Pause …: Um nachzuweisen, wann man wo gewesen ist, muss man häufiger tanken als nötig, denn die Spritquittung ist der Beweis dafür.

Doch ist diese Rallye nur noch ein Teil des kunterbunten IBA-Freizeitangebotes, viel mehr in den Mittelpunkt gerückt sind heute die so genannten »Certificate Rides«, also die in den Asphalt gebrannten Grausamkeiten, die man sich durch die IBA beurkunden lassen kann und so den Status »Member« erhält. Es gibt keine Mitgliedsbeiträge, keine Satzung, keine Statuten, keine regelmäßigen Versammlungen, nichts dergleichen. Mitglied kann nur werden, wer eine der durch die IBA vorgegebenen Distanzen innerhalb einer gewissen Zeit fährt und das durch Zeugen und Belege nachweisen kann. Die Regeln dabei sind streng, die Kontrollen der verlangten Unterlagen unerbittlich, da ist kein Spielraum für Manipulation. Wer die Urkunde haben will, muss sich die Kilometer-Kante auch wirklich geben.

Bringt verbrauchte Energie sofort zurück: Den Mars-Lkw ließ ich lange nicht aus den Augen …

So gibt es den »Saddle Sore« neben der 1000er-Einsteiger-Version auch noch in härteren Polsterungen bis hin zum »Saddle Sore 5000« (5000 Meilen in fünf Tagen), während der »Bun Burner« (1500 Meilen in 36 Stunden) auch gern in der Version »Bun Burner Gold« (1500 Meilen in 24 Stunden) genommen wird. Wer es sich restlos besorgen will, gibt sich einen »BBG 3000« (3000 Meilen in 48 Stunden), einen »10-10th« (10.000 Meilen in 10 Tagen), einen »100CCC« (Pazifikküste-Atlantikküste-Pazifikküste in 100 Stunden) oder warum nicht gleich einen »48 Plus!« (Besuch aller kontinentalen US-Bundesstaaten inklusive Alaska in 10 Tagen). Bliebe noch der »Longest Month«, für den 30 1000-Meilen-Tage hintereinander verlangt werden, in Worten: Dreißig! Und einen hab’ ich noch: Der Kanadier Dick Fish fuhr im Jahr 2006 auf seiner BMW R 1150 GS die rund 23.000 Kilometer von Alaska bis Feuerland in 21 Tagen, zwei Stunden und acht Minuten. Es gibt also jede Menge Möglichkeiten, um sich den bereits erworbenen Eisenarsch noch kräftig aufzupolieren.

Wenn das Ganze eine rein amerikanische Angelegenheit wäre, würde man es vielleicht nicht weiter hinterfragen, doch der Blick ins Forum der IBA belegt, dass es sich um einen sehr internationalen Club handelt, Bemerkenswert dabei, wie wichtig es einem Eisenarsch ist, über seine (Tor-)Tour Zeugnis abzulegen, denn die langen Tourberichte beginnen nicht selten mit Formulierungen wie »Today I finished my Bun Burner …« oder »Just arrived from my 1000-Mile-Ride through Tasmania …«. Diese Burschen reiten endlos durch Tag und Nacht, und kaum angekommen, setzen sie sich hin und schreiben sich die Kilometer aus dem Kopf.

Night-Shot: Von der anderen Seite sieht das Navi auch nicht besser aus.

Die Statistik zeigt, dass sich die weitaus meisten dokumentierten Iron-Butt-Ritte mit Harleys auf den US-Highways abspielen, besonders ins Auge fallen aber die Eisenärsche aus weniger gut asphaltierten Ecken der Erde, etwa Guilherme Couto de Castro aus Muriae in Brasilien, der den Saddle Sore 1000 auf einer Yamaha YBR 125K durchlitt. Oder Akshay Kaushal aus Gujarat in Indien, der sich die Nummer auf einer Bajaj Pulsar 180 gegeben hat. Die Fragezeichen werden immer größer, wenn man dann noch realisiert, dass die meisten direkt den nächsten Ritt ankündigen, Keith Adams aus Meridian in Idaho beginnt gar mit den Worten: »For any one reading this, I must say, this was the best time of my life.«

Das machte mich neugierig, denn obwohl mir lange Sitzungen im Sattel nicht wirklich fremd sind, hatte ich bis dahin noch nicht herausfinden können, wie man einer schier endlos erscheinenden Etappe irgendwelche Glücksgefühle abgewinnen kann. Das wollte ich mit meinem Ritt durch die Bundesländer nachholen und es damit den vielen Long-Distance-Ridern gleichtun, die es auch in Deutschland schon gab. Die mussten sich ihre Ritte allerdings bis dahin in den USA, im United Kingdom oder in Finnland beurkunden lassen, denn dorthin hatte die IBA bereits Ableger ausgebildet. Seit 2010 allerdings haben die Iron Butts auch eine deutsche Dependance, die IBA Germany e.V.. Ihr Vorsitzender Gerhard M. Krüger hat bereits mehrfach an der Iron-Butt-Rallye in den USA teilgenommen, war sogar ein Eisenarsch der ersten Stunde und wurde deshalb vom IBA-Gründer und Präsidenten Michael Kneebone autorisiert, IBA-Rides in Deutschland zu prüfen, zu beurkunden und Mitgliedsnummern zu vergeben.

Kaffee, Bockwurst, weiter: Ganz sicher kann man das Ernährungsprogramm gehaltvoller gestalten, doch wenn man eh‘ ständig an einer Tanke steht …

Kneebone ist eine legendäre Gestalt, seit er den lange gehaltenen Motorrad-Guinness-Weltrekord von 64 Stunden für die Strecke von New York bis nach San Francisco auf 47 Stunden und 41 Minuten drückte und damit der Erste war, der auf dem Motorrad in weniger als 50 Stunden von der Atlantik- an die Pazifikküste der USA fuhr. Außerdem erhöhte er den damaligen Ausdauer-Rekord auf 1704 Meilen (2742 km) in 24 Stunden (was seitdem natürlich längst mehrfach verbessert wurde …), durchbrach die »50.000 Meilen in 6 Monaten«-Grenze und setzte gemeinsam mit der Langstreckenfahrerin Fran Crane den IBA-Rekord für den Besuch von 48 US-Bundesstaaten (ohne Alaska) auf sechs Tage, 13 Stunden und 22 Minuten. Um das hier kurz einzuflechten: Der Rekord für die 48 US-Bundesstaaten plus Alaska (wir erinnern uns: 10 Tage sind dafür erlaubt) wurde 1998 vom 54-jährigen Ron Ayres aufgestellt, der die insgesamt 14.076 Kilometer mit einem unglaublichen Schnitt von 83,8 km/h in sieben Tagen absolvierte. Er schlief während dieser Fahrt 18,5 Stunden, 14 davon in Motels, 4,5 neben dem Motorrad. Schon crazy, diese Amis!

Déjà vu: Erwähnte ich bereits, dass man unterwegs ziemlich oft tanken muss …?

Doch beherbergt auch die »Hall of Fame« der IBA Germany, also der Bereich auf der Internetseite, in der alle zertifizierten Ritte samt Fahrer aufgelistet sind, aktuell mehr als 2000 Einträge. Ein schneller Scroll durch die endlose Liste zeigt, dass es dabei etliche Wiederholungstäter gibt, deren offensichtliche Leidenschaft es ist, sich die Reifen eckig zu fahren. Vorneweg Werner Schiemann, Deutschlands wohl unersättlichster Kilometerfresser, der auch schon mit dem »Mile Eater Award Gold« ausgezeichnet wurde. Diese besondere Ehrung der IBA wird nur den ganz Harten zuteil, um sich dieses Patch an die Jacke nähen zu können, muss man 20 »Certificate Rides« nachweisen können, von denen wiederum fünf zu den extremen Kategorien gehören, in denen mindestens 1500 Meilen (2410 km) innerhalb von 24 Stunden gefordert werden.

Auch Raimond Böschen scheint vom Endurance-Virus befallen. So taucht er nicht nur mehrfach in der Hall of Fame auf, auch war er der erste Deutsche, der einen »NG 72« absolvierte. Hinter dem harmlosen Kürzel verbirgt sich ein zertifizierbarer Ride der finnischen Eisenärsche, die in der Strecke vom Nordkap nach Gibraltar dann eine gewisse Herausforderung sehen, wenn man sie in weniger als 72 Stunden hinter sich bringt. Raimond Böschen benötigte 16 Minuten weniger, wobei er die 2900 Kilometer lange Anfahrt zum Startpunkt im hohen Norden nutzte, um vorweg noch einen Saddle Sore 2000K einzuschieben.

Beurkundet: Wer den »Sattelschmerz« erfolgreich durchlitten hat, bekommt am Ende eine Urkunde …

So hat auch die IBA Germany längst einige Rides etabliert, die nur in Deutschland gefahren werden können, etwa den »4 Corners«, für den man den nördlichsten, östlichsten, südlichsten und westlichsten Punkt Deutschlands innerhalb von 24 Stunden abklappern muss, was im günstigsten Fall 2250 km entspricht. Oder den »16/24«, 16 Bundesländer in 24 Stunden, also genau den Ritt, den ich absolvierte, nur dass es damals diese Kategorie noch nicht gab – hab’ ich sie etwa erfunden …? Wie auch immer, nach dem Selbstversuch war ich jedenfalls erst mal restlos bedient.

Denke ich heute über die Eisenärsche nach, verharre ich nach wie vor irgendwo im Niemandsland zwischen Faszination und Unverständnis, zumal es für die Schinderei im Erfolgsfall nicht mehr gibt als eine Urkunde und eine Medaille. Meine hängt nun in unserer Küche an einem Holzbalken und erinnert mich daran, dass ich schon mal 24 Stunden am Stück Benzin verbrannt habe. Vollkommen sinnfrei, jenseits aller Vernunft und saumäßig anstrengend obendrein. Oder anders gesagt: Total geil!

Wer nun wissen will, wie ich diesen fragwürdigen Ritt er- und überlebt habe und was mir dabei so durch den Kopf ging, kann unten mein Tour-Protokoll nachlesen.

… und eine Medaille: Die erinnert mich stets daran, das ich jetzt einen Eisenarsch habe.

TOUR-PROTOKOLL »SADDLE SORE 1600K«

13. April, 14:48 Uhr, Start, Tankstelle Hehs in Euskirchen, 10,26 Liter getankt

Jetzt gibt es kein Zurück mehr, bin auf dem Weg zur A 1. Habe laut Routenplan jetzt noch exakt 1715 Kilometer vor mir, den ersten hab’ ich gerade schon souverän hinter mich gebracht. Bis jetzt noch immer alles gut. Werde einen großen Donut durchs Land fahren, dabei jedes der 16 Bundesländer unserer Republik besuchen und Tankquittungen sammeln, bis der Arzt kommt. In spätestens 24 Stunden muss ich wieder zurück sein. Mach’ ich das jetzt etwa wirklich? Wie bescheuert ist das eigentlich?!

13. April, 17:16 Uhr, Tankstelle Rösner in Heek, 12,70 Liter getankt

Zäh an Köln und dem Ruhrpott vorbeigekommen und keinen meiner vielen Freunde dort besucht, jetzt kerzengerade Schussfahrt auf der A 31 nach Norden – dieses Asphaltlineal heißt nicht umsonst »Ostfriesenspieß«. Moped sehr bequem, Motor bärig, insgesamt sehr gutes Unterhaltungspaket. Hab außerdem den Helm voller Musik, Coldplay, Ya Basta und Calexico verkürzen die lange Zielgerade Richtung Küste erheblich. Hier hat auch die laszive Tante aus dem Navi Sendepause, die sich sonst immer so gern in den Vordergrund säuselt. Die Sonne steht tief und wärmt mir das Kreuz. Immerhin.

13. April, 19:21 Uhr, AB-Tankstelle Wildeshausen, 13,85 Liter getankt

Bin so gut in der Zeit, dass ich mir viele Pausen erlaube und die vielen Kaffeeautomaten teste, an denen ich vorbeikomme, zwangsläufig beziehe ich auch die Toilettenhäuschen in die Erhebung mit ein (beides etwa im Bereich 2 minus). Die Nacht kündigt sich behutsam an, es wird kühler, und der kleine Bildschirm des Navis hat sich bereits selbstständig für die Nachtansicht entschieden, digital ist um mich herum schon alles schwarz. Es läuft wie geschmiert, wenn’s so bleibt, bin ich um acht Uhr morgen früh wieder zurück. Ha. Die Sitzposition hat was Königliches, der Windschutz ist super. Könnte in Bremen jetzt meinen bekloppten Cousin besuchen, den ich so selten sehe. Das soll auch besser mal so bleiben. Gebe mir ein Hörbuch aufs Ohr: »Die purpurnen Flüsse«. Kommissar Pierre Niémans ermittelt im ewigen Eis der französischen Alpen. Sauspannend. Es ist jetzt nicht mehr kühl. Es ist schweinekalt.

13. April, 23:24 Uhr, AB-Tankstelle Valluhn, 16,57 Liter getankt

Vier Stunden für 200 Kilometer! Tss! A 1-Vollsperrung mitten in einer endlosen Baustelle, deshalb keine Gasse in der Mitte, die für die Thunderbird breit genug gewesen wäre. Stehe fast eine halbe Stunde auf dem Seitenständer und lerne einen netten bulgarischen Lkw-Fahrer neben mir im Stau kennen. Unterhalten uns in einer Sprache, die wir beide nicht kennen, und haben viel zu lachen. Später dann große Teile der Norddeutschen Tiefebene auf diversen, gänzlich uninteressanten Bundesstraßen kennen gelernt und dabei ohne Ende Zeit verloren. Ich muss es jetzt laufen lassen. Wollte in Hamburg eigentlich Marlene mit einer überraschenden Stippvisite in Verlegenheit bringen, aber die ist zum Glück eh’ nicht da. Spreche ihr im Vorbeifahren auf den AB.

14. April, 00:54 Uhr, AB-Tankstelle Walsleben, 15,95 Liter getankt

Über mir funkeln die Sterne, unter mir thundert die Bird, inzwischen mach ich das gerne, falls irgendjemand mich hört … Bin jetzt zehn Stunden unterwegs und habe erste mentale Aussetzer, versuche schon alles in Reimform zu denken. Vorhin hat SIE angerufen, ich wusste, dass das noch kommt: »Uuund …?« Ich kenne SIE lange genug, um zu wissen, wie viele Einzelfragen sich hinter diesen wenigen Buchstaben verbergen:
1. »Kannst du noch?«
2. »Bist du schon weit?«
3. »Musst du noch lange?«
4. »Hast du was gegessen?«
5. »Bist du eigentlich noch ganz dicht?«

Ich beantworte alle Fragen auf einen Schlag mit »Janöjaja, denke doch« und wünsche ihr rasch eine gute Nacht, denn SIE gehört jetzt ins Bett. Die Bahn gehört mir jetzt fast allein, und so soll’s wohl auch weiterhin sein. Wie fein. Ich hab’ Hunger, kann mir darauf aber keinen Reim machen. Höre ein bisschen Radio und stelle fest, dass um diese Uhrzeit hauptsächlich Fahrstuhlmusik versendet wird. Habe noch etliche Stockwerke vor mir und switche um auf MP3 – Miles Davis, Kind Of Blue … so fühle ich mich auch.

14. April, 01:47 Uhr, AB-Tankstelle Wolfslake-West, 4,15 Liter getankt

Zwangsbetankung, Blasenleerung. Habe zwar noch satt Sprit, muss aber an dieser Tanke tanken, um eine Quittung dafür zu haben, dass ich auch tatsächlich hier war, zumindest wesentliche Teile von mir. Für Pause eigentlich keine Zeit, zwinge mich deshalb zum raschen Aufbruch, obwohl der Espresso-Automat eine verdammt gute Stütze ist. Ich fahr durch McPomm in der Nacht, hast du schon Dümmeres gemacht …? Bin zwar offensichtlich der einzige Mensch auf der Welt, aber es läuft. Die Thunderbird hat sich einen neuen Freund gemacht, wenn es um die Autobahn geht. Warum ruft mich keiner an?

14. April, 03:09 Uhr, AB-Tankstelle Köckern-West, 15,95 Liter getankt

Wie heiß’ ich? Wo bin ich? Die letzte Stunde kam mir vor wie drei. Begrüße jede Kurve persönlich und gebe ihr einen hässlichen Namen. Habe über meine Steuererklärung, den letzten Alpenurlaub, die Fußball-Nationalmannschaft und Flugthrombosen nachgedacht, erschwerender Weise gleichzeitig. Bin deshalb zu dem Schluss gekommen, dass die Mehrwertsteuer dann in Serpentinen entrichtet werden sollte, wenn im Strafraum ein Stützstrumpf vergraben ist. Überlege, wen ich sofort anrufen könnte, um ihm das zu erzählen. Dann überlege ich, ob ich vielleicht verrückt werde. Oder ob ich’s längst bin. Die Bahn ist immer noch nahezu leer, und wenn der Donnervogel selber mal anhält, weckt er dutzende Trucker auf dem in nächtlicher Stille liegenden Parkplatz. Echt guter Sound, den der fette Twin da in die Nacht rausdrückt, so ab 5000 Touren wird’s richtig böse, da rumpelt’s nur so in den Fahrerkabinen. Ich denke gerade daran, dass die meisten Bäcker jetzt aufstehen müssen, da riecht’s im Helm auch schon nach frischen Brötchen – sagenhaft, diese neuartigen Kommunikationsanlagen.

14. April, 04:30 Uhr, AB-Tankstelle Frankenwald-West, 12,77 Liter getankt

Irgendwas ist passiert, ich bin nicht mehr müde. Ich fühle mich wie ein empfindungsfreier Autopilot, obwohl ich auf dem Motorrad sitze. Steigere mich bisweilen in die Vorstellung hinein, dass ich nicht die Thunderbird fahre, sondern sie mich – pfff … , soll sie doch. Sie macht das gut, verdammt gut macht sie das. Rund 14 Stunden sitze ich jetzt im Sattel, doch ist vom »Saddle Sore«, dem Sattelschmerz, noch nichts zu merken. Ich hab’ zwar den Kaffee restlos auf, aber mir tun die Knochen nicht weh, eigentlich gar nicht. Kann nicht umhin, das Moped noch einmal zu loben: souveräner Mops, ohne Abstriche. Absolut Highway-tauglich. Schade nur, dass in die Koffer etwa so viel reinpasst wie in die Handtasche meiner Tante Edeltraut. Vorhin hat Theo angerufen, mitten in der Nacht. Er sagte, er hätte sich extra den Wecker gestellt dafür, aber ich kenne Theo und weiß, dass er nur mal pullern musste. Trotzdem nett, mich mitten in der Nacht daran zu erinnern, dass er noch einen Hunni von mir kriegt. Das gibt mir für eine gute halbe Stunde zu denken. Ist schon verdammt schön, wenn man Freunde hat.

14. April, 05:57 Uhr, AB-Tankstelle Kammersteiner Land, 13,23 Liter getankt

Ich zähle jetzt bereits neun Tankquittungen, 1215 Kilometer liegen hinter mir, zwölf Bundesländer habe ich bereits im Sack. Die Zeit spielt jetzt keine Rolle mehr, auch der Raum verliert an Bedeutung – eigentlich ist mir alles wurscht. Ich denke nur noch an den finalen Moment, versuche im Geiste zu errechnen, zu welcher Uhrzeit dieser fragwürdige Trip in etwa sein Ende finden könnte, und komme auf jede Menge Ergebnisse. Doch bleibt bei jedem unterschwellig das Gefühl, es könnte vielleicht doch eng werden. Noch so ein Klopper wie gestern Abend auf der A 1 und eine ordentliche Portion Berufsverkehr in den endlosen Baustellen der Rhein-Main-Ecke, und ich kann mir die Urkunde abschminken. Was grundsätzlich vollkommen egal ist, prinzipiell ohne Bedeutung. Aber alles, nur das nicht!

14. April, 07:49 Uhr, AB-Tankstelle Kraichgau-Nord, 11,86 Liter getankt

Deutschland ist jetzt wach, ohne jeden Zweifel. Die Straßen sind voll, verschlafene Gesichter lugen aus beschlagenen Scheiben. Und umgekehrt. Bisher blieb Regen mir erspart, und auch hier sind zwar die Straßen noch klatschnass, aber von oben kommt nichts mehr nach. SIE ruft wieder an:

»Uuund …?«
» Janöjaja, denke doch.«
»Gut, wenn du früh genug kommst, bring’ Zwiebeln mit. Und das Klopapier ist alle.«
Wie redet DIE eigentlich mit mir?! Ich bin bald ein Eisenarsch, ich brauche dann kein Klopapier mehr! Aber ich finde keine Antwort auf die Frage, ob ich dann noch Zwiebeln brauche. Auch den Grund, warum Frauen so schwer zu beeindrucken sind, suche ich vergebens. Aber was soll’s, nur weiter – tralala, tralala, traha-la-la!

14. April, 08:33 Uhr, Tankstelle in Mannheim, 4,87 Liter getankt

Im Buddhismus ist das Rezitieren von Mantras während der Meditation üblich, sie können sprechend, flüsternd, singend oder in Gedanken rezitiert werden. Das geht auch auf dem Motorrad: »Ich tanke gerne. Tanken ist ein teures Geschenk des Himmels, es bringt
mich weiter und erhöht meinen physischen Radius. Es erhält auch die geistige Reichweite und bietet mir dann Reserven, wenn ich sie brauche. Ich tanke gerne. Tanken ist ein teures Geschenk des Himmels …« usw.
Flüsternd gesungen ein echter Ohrwurm, allemal geeignet, den einsamen Reiter zwischen der Pfalz und dem Saarland auch in Stunde 18 im Sattel noch aufrecht zu halten. Aber die Gegend ist schön, soweit ich das noch beurteilen kann. Und der Himmel scheint blau zu sein. Noch sechs Stunden Zeit für die letzten 300 Kilometer. Ich spüre, wie mein Hintern sich schon in Vorfreude verhärtet. Deutlich. Bin allerdings auch lange mit einer elementaren Frage beschäftigt: Kann man einen Eisenarsch zusammenkneifen? Und muss ich ihn der Krankenkasse melden?

14. April, 09:33 Uhr, Tankstelle in Freisen, 11,74 Liter getankt

Wieder eine der vielen Pflichttanken. Wieder ein Kaffee, obwohl ich weiß, dass das nicht hilft, und wieder eine neue Autobahn, obwohl mein Bedarf schon reichlich gedeckt ist. Bin erstaunt, wie viele A’s ich noch nie zuvor gefahren bin. Erster neugieriger Anruf aus der Tourenfahrer-Redaktion, recht knapp im Text: »Wo bisse?« Ein wenig Sorge schwingt in der Stimme mit, ich weiß jedoch nicht, ob wegen mir oder wegen der Story. »Alles prima, bin in sechs Stunden in Barcelona.«
Schweigen …
»War’n Witz. Bin gleich wieder bei euch. Kurz vor vier sollte ich jedenfalls schaffen.«
»Waas! Du musst um kurz vor drei wieder hier sein!!«
»War schon wieder’n Witz. Um eins bin ich da. Kannst die Fähnchen verteilen.«
»Drei Witze hintereinander, Respekt. Bis später.«

14. April, 11:24 Uhr, Tankstelle Zur Schneifel in Olzheim, 12,08 Liter getankt

Die tausend Meilen sind jetzt schon voll, am Ziel bin ich jedoch immer noch nicht. Um den Donut zu schließen, muss ich es noch zurück nach Euskirchen schaffen. Aber das sind nur noch 60 Kilometer, und ich habe immer noch fast dreieinhalb Stunden. Vorhin einen schönen Wanderparkplatz mit Aussicht auf der B 51 gesucht und vorsätzlich Zeit vergeudet, indem ich eine halbe Stunde lang auf einen Punkt am Horizont starre. Herrlich. Keiner drängt mich zum Aufbruch. Ich lasse die letzten 21 Stunden noch einmal Paroli laufen: vom Rheinland aus am Ruhrgebiet vorbei Richtung Friesland, dann über Bremen und Hamburg nach Berlin, von dort Richtung Leipzig, Würzburg, Mannheim und durch die Pfalz und das Saarland zurück nach NRW. Aber wofür nur?!? Wird Zeit, dass ich eine Antwort darauf finde.

14. April, 12:11 Uhr, Zielankunft, Tankstelle Hehs in Euskirchen, 5,79 Liter getankt

Vollbracht! 1716 Kilometer nach dem Start vor rund 22 Stunden bin ich wieder zurück und stecke zum vierzehnten und letzten Mal die Zapfpistole in den bauchigen Tank, zum ersten Mal hat das etwas Erotisches … nein, eher etwas Heiliges – wobei das ja oft nah beieinander liegt, wie man inzwischen weiß. Habe mir die finale Quittung geholt und bin auf eine merkwürdige Art und Weise zufrieden, würde ich Triumphgeheul anstimmen, käme es allerdings wohl etwas gedämpft rüber. Denn erstens fühlt sich diese finale Quittung auch ein wenig an wie die letzte Ölung, und zweitens habe ich eine Frage im Ohr, die mir demnächst bestimmt öfter gestellt wird:

»Stimmt es, dass du in 22 Stunden gut 1700 Kilometer gefahren bist und dabei alle 16 Bundesländer einmal berührt hast?«

»Stimmt.«
»Aha. Und warum?«
»Weil ich ein Eisenar… also weil ich bei den Eisenär… also, öh … – ach nichts.«

Ich sollte es wohl besser für mich behalten …

Gespenstisch: Tief in der Nacht fühlt sich der Fahrer bisweilen genau so, wie es auf diesem Bild den Anschein hat …