HONDA CB 500 FOUR – DAS SCHWESTERCHEN

Noch bevor sich die Konkurrenz von dem Beben erholen konnte, das die CB 750 Four ausgelöst hatte, rundete Honda sein Vierzylinder-Programm schon nach unten ab. Doch war die 1971 erschienene CB 500 Four weit mehr als nur eine kleine Kopie.

Seit 1996 Jahren ein Paar: Angela Benninghaus und ihre 73er-CB-500-Four K2.

Man kann eine Ge­schichte über die CB 500 Four eigentlich nicht beginnen, ohne zunächst ihre große Schwester zu er­wähnen. Mit dem Vierzylinder-Kraftwerk der CB 750 Four konnte Honda wenige Jahre zuvor einen gewissermaßen bis heute nachwirkenden Coup landen, von dem sich die Konkurrenz nur langsam erholte. Kawasaki etwa hatte noch gar nicht mit der Z 1 reagieren können, da rundete Honda sein Vierzylinder-Programm schon nach unten ab. Nur zwei Jahre nach dem Start des ersten großen Reihen-Vierzylinders stand im Sommer 1971 schon der zweite etwas kleinere bei den Honda-Händlern und sorgte nicht weniger für Furore.

Volles Rohr: Mit ihren Werbebotschaften brachte Honda die Kernkompetenz auf den Punkt.

Und das trotz seines überaus selbstbewussten Preises von rund 5600 Mark, womit er nach oben hin nur rund 900 Mark vom Preis der großen Schwester entfernt war, nach unten aber einen weiten Abstand zwischen sich und die Klassenkonkurrenz brachte – zwischen 1000 und 2000 Mark günstiger war der Einstieg in die gehobene Mittelklasse mit Modellen von BMW, Triumph, BSA, Ducati oder Kawasaki. Doch als würde Geld keine Rolle spielen, entwickelte sich die 500 Four vom Start weg zum Kassenschlager, wurde gar zum bestverkauften Motorrad ihrer Klasse und hatte in so manchem Jahr ihrer Produktions­zeit fast ein Monopol auf den Erfolg. Sie hatte aber auch einiges zu bieten.

Das fängt schon mit ihrem Look an, der sich mit seiner Linie, seinen Rundungen und der prägnanten 4-in-4-Anlage zwar einerseits an die 750 Four anlehnt, aber doch eine sehr individuelle, wohlproportio­nierte, straff-sportliche Hand­schrift trägt. So strahlt die 500er eine ähnlich hohe Potenz wie die große Schwester aus, wirkt dabei aber schon im Stand deutlich leichtfüßiger und bringt ja auch tatsächlich etliche Kilos weniger auf die Waage. Hinzu kommt ihr außerordentlich durchzugsstarker Motor, der ordentliche 48 PS bei 9000/min leistete und sich damit bei den Parametern Leistungsgewicht und Literleistung wahrlich nicht hinter der 750er verstecken musste.

Schmalhans: Kaum zu glauben, dass sich hinter der Gabel ein Reihenvierzylinder versteckt.

Das Triebwerk wirkt wie eine etwas verkleinerte, hausinterne Kopie. Auch die Auflistung der technischen Innereien belegt die gemeinsame Grundbasis: eine oben liegende, über eine Kette angetriebene Nockenwelle, zwei schraubengefederte, über Kipphebel angesteuerte Ventile pro Zylinder, fünffach gelagerte Kurbelwelle, vier Kolbenschieber-Vergaser von Keihin. Ein Unterschied jedoch fällt auf Anhieb ins Auge: Die Zylinderköpfe der CB 500 Four stehen aufrecht, während die der 750er doch deutlich nach vorn geneigt sind. Zudem war man bei der kleinen Four auf eine Nasssumpfschmierung umgestiegen, ein separater Öltank wie bei der 750er mit Trockensumpfschmierung war also nicht mehr vonnöten.

Auch der Primärantrieb stellte eine neue Konstruktion dar, denn er wurde nun geteilt. Die Kurbelwelle bringt ihre Kraft über eine Zahnkette zunächst auf eine Nebenwelle, bevor dann Zahnräder den weiteren Kraftschluss zur Kupplung und Getriebehauptwelle übernehmen. Der Ölfilter sitzt jetzt gut erreichbar mittig vor dem Kurbelgehäuse. Insgesamt zeigt sich die 500er erheblich wartungsfreund­licher als ihre große Schwester. So muss selbst bei gröberen Eingriffen der Motor nur dann ausgebaut werden, wenn man an das Getriebe oder an die Kurbelwelle ranmuss. Auch das horizontal geteilte Motorgehäuse erleichtert die Schrauberei, die seinerzeit noch zum Motorradfahren dazugehörte wie Dornen an eine Rose. Doch auch hier setzte Honda mit der CB 500 Four neue Standards.

Denn viel Zeit in der Werkstatt beanspruchte der kleine Vierer nicht für sich. Der ebenso kultivierte wie drehfreudige Motor sollte sich als außerordentlich zuverlässig erweisen. So glänzte die CB vom Start weg durch ihre Robustheit, setzte neue Bestmarken bei Langstrecken-Tests und zeigte sich dem harten Verkehrsalltag ebenso gewachsen wie der zügigen Überlandfahrt. Selbst auf der Autobahn musste sie sich mit einer Höchstgeschwindigkeit von rund 180 km/h nicht verstecken. Sie war komfortabel, nicht nur für den Fahrer, und hatte man die zu weichen Federbeine hinten erst einmal gegen zeitgenössische Zubehör-Ware getauscht – die meisten entschieden sich seinerzeit für Federbeine von Koni – war auch ihre extrem handliche Straßenlage schwer zu toppen. Nicht wenige Tourenfahrer schlossen sie deshalb ebenso ins Herz wie die Sportmäxe, und so wurde sie zu einer der ersten eierlegenden Wollmilchsäue, die der Motorradmarkt hervorbrachte. Die Szene zeigte sich verzückt, kein Wunder, dass die kleine Four derart zündete.

Wie gemalt: Als Typenbezeichnungen noch kleine Kunstwerke waren.

Bei Angela Benninghaus sprang dieser Funke im Jahr 1996 über. Sie hatte zu der Zeit schon diverse Erfahrungen auf verschiedenen Motorrädern gemacht, doch konnte sie keines davon wirklich fesseln. Die Suche nach etwas anderem führte sie damals auch nach Köln, wo sie bei einem Händler auf die 73er-CB stieß, die dann ihre werden sollte. Der Händler hatte die Maschine zuvor aus den USA geholt, die deutsche Zulassung hatte sie allerdings schon. »Das hat dann alles nicht lange gedauert. Ich wusste sofort, das ist mein neues Motorrad.«

So zog die Four vor nunmehr 22 Jahren bei Angela ein, die den Kilometerstand bis heute auf rund 15.000 Meilen gedreht hat, etwa zwei Drittel davon gehen auf ihre Kappe. Nicht viel, möchte man meinen, doch musste sich die CB ihre Garage wie auch ihre Fahrerin oft genug mit anderen Motorrädern teilen: »Irgendwann wollte ich dann auch mal neuere Motorräder ausprobieren, die 500er war schließlich in die Jahre gekommen. Sie abzugeben, stand allerdings nie zur Debatte.« Aktuell fährt Angela neben ihrer schicken Honda eine 883er-Harley, »die ist natürlich ganz anders, hat aber ähnlich viel Charakter.«

Drucksache: Ein leichter Druck auf den Knopf und der Deckel klappt auf, ist aber nicht abschließbar.

In den letzten Jahren hatte die Harley sogar die Überhand gewonnen, zumal die Honda nie wirklich grundrenoviert wurde. »Es war eigentlich auch nie was. Ventile einstellen. Mal ein Ölwechsel, Kette pflegen – so was halt. Aber Reparaturen hat es nicht gegeben, keinerlei Ausfälle. Auch nach langen Standzeiten nicht.« Dann jedoch schien eine gründliche Überholung der Vergaser unumgänglich, auch andere kleine Macken schlichen sich ein, was in der Konsequenz dafür sorgte, dass die Honda gegenüber der Konkurrenz in der eigenen Garage stets den Kürzeren zog. Die letzten zwei Jahre hat sie dann nur noch gestanden und darauf gewartet, dass sich jemand um ihre Wehwehchen kümmert und mal einen gründlichen Frühjahrsputz macht.

Diesen Part übernahm dann René Sürth in Essen-Kettwig, dessen Meister-Werkstatt nicht umsonst den Namen »Charakter-Bikes« trägt. Er kümmert sich in besonderer Weise um die alten Vierzylinder-Modelle von Honda, kennt ihre Technik in- und auswendig und half auch Angelas CB mit einer gründlichen Vergaser-Kur und diversen Einstellarbeiten wieder auf die Räder. »Die läuft wie am ersten Tag, jetzt hat es die Harley erst mal schwer …«

Schwer hatte es ab Mitte der Siebzigerjahre dann auch die CB 500 Four, all ihren Qualitäten zum Trotz. Der Markt hatte in den Jahren zuvor eine Vielzahl an Vierzylinder-Modellen insbesondere in den großen Klassen hervorgebracht, die Hubräume pendelten sich um 1000 Kubik ein, die Mittelklasse war auch wegen der hohen Versicherungsprämien unbeliebt geworden. Man entschied sich entweder für die günstige 27-PS-Klasse – wo Yamaha inzwischen XT und SR 500 platziert hatte – oder stieg gleich auf eine Tausender.

1978 wurde schließlich die letzte CB 500 Four (K3) aus dem Programm genommen. Doch war ihr im Schatten der großen Schwester gelungen, was niemand für möglich gehalten hatte: Für nicht wenige war die kleine Four eine ganze Zeit lang die süßere Kirsche auf der bunten Honda-Vierzylinder-Torte.

Power-Pack: Der außerordentlich durchzugsstarke Motor der Honda CB 500 Four leistete 48 PS bei 9000/min und brauchte sich damit bei den Parametern Leistungsgewicht und Literleistung nicht hinter der 750er verstecken.