»MÜHLE ROUGE« – XS 750-UMBAU / 5 – TIME TO FINISH

Der unausweichliche TÜV-Termin rückt näher, und so kommt langsam doch etwas Zug in die Nummer. Es wird jetzt höchste Zeit, das die XS endlich aus ihren drei Pötten kommt.

Stillleben: Meine XS war nicht die einzige Baustelle in unserem Herrenzimmer …

»Vergiss‘ den Fender nicht! Ist zwar nur Kleinscheiß, aber der fliegt dir am Ende um die Ohren …« Bernard hat wohl recht, ich sollte mich langsam mal ans Werk machen. Der Alu-Rohling aus dem Zubehör liegt seit Wochen auf der Werkbank, oft schon hab ich ihn am langen Arm über den Vorderreifen gehalten und jedes Mal gedacht: »Wird geil, muss ich mal fertigmachen«. Passiert war jedoch nix, gab immer Wichtigeres. Also warum nicht heute? Geht ja auch schnell.

Alex hat mir aus seinem Fundus zwei Rohlinge für die Halter auf den Tisch gelegt. Auch die sind aus Alu und so dimensioniert, dass sich daraus für etliche Größen die passenden Halter fräsen lassen. Man muss halt die Form entwerfen, sie (z. B. mit einer Pappschablone) auf den Rohling übertragen und dann sauber ausschneiden. Das Grobe zunächst mit der Trennscheibe, das feinere mit einer Schruppscheibe, den letzten Schliff gibt’s dann mit einer Feile per Handarbeit.

Mr. Elek-Trick: Bernard kümmerte sich rührend um die Verkabelung und brachte am Ende auch die kleinste LED zum Glühen.

Allein die richtige Form zu finden, sollte am Ende weit mehr als eine Stunde dauern, und selbst da war ich noch lange nicht im Feintuning-Bereich. Aber ich hatte immerhin eine Schablone mit den Löchern an den richtigen Stellen und konnte mich an den ersten Zuschnitt machen. Das Ergebnis war ernüchternd, wieder einmal. Krumm, voller Grate, die Kanten sahen aus, als hätte sie ein kariöser Biber genagt. Zum Glück hatte dieser erste Entwurf noch recht breite Streben, das Werkstück bot also noch ausreichend Fleisch für eine verschlankende Korrektur. Jetzt bloß vorsichtig, eine zweite Korrektur wird nicht mehr möglich sein, schließlich will ich keine Spaghetti-Träger. Ich arbeite also deutlich langsamer als beim ersten Schnitt und werde belohnt, auch mit Erinnerungen an die Laubsägearbeiten aus der Grundschule und die Faustformel unseres Werklehrers: »Immer Gründlichkeit vor Tempo! Sonst kann man’s gleich lassen.« So geht auch gründlich viel Zeit drauf, ein ganzer Nachmittag, um genau zu sein. Ein gelernter Metallbauer würde meine Träger am Ende wohl knapp in die Kategorie »Ausschuss« einsortieren, aber weil ich ja mein eigener Kunde bin, gebe ich das Werkstück zum Anbau frei. Sieht top aus.

Weitere zwei Stunden kostete es mich, die Träger am Fender und das Gesamtkonstrukt an den Tauchrohren zu befestigen. Allein 20 Minuten wühle ich in diversen Schraubenkisten nach vier 5er-Schlossschrauben, die ich dann auch noch auf die richtige Länge bringen muss, auch das exakte Anzeichnen der Löcher im Fender ist eine Geduldsarbeit. Tutto compreso hat mich der kecke Fender vorn runde vier bis fünf Stunden Arbeit gekostet – ging ja schnell …

Nr. (T)5 lebt: Strom strömt wieder, Blinker blinkt wieder.

Zum Glück ist das hier ja eine Schrauber-WG, so dass parallel auch an anderen XS-Baustellen gearbeitet wird. Während ich an dem Fender schnitze, kümmert Bernard sich um die Ströme und arbeitet am Kabelbaum weiter. Heute hat er auch noch Sohnemann Joshi mitgebracht, der gerade eine Lehrstelle als Zweiradmechaniker sucht, davon abgesehen aber mit seinen 17 Lenzen schon jetzt ein sehr talentierter Schrauber ist. In gemeinsamer Vater-Sohn-Arbeit hat er sich eine alte CB 125 zum Bratstyler umgebaut und in der Community das Bewusstsein dafür wachgehalten, dass auch verdammt kleine Motorräder verdammt schön sein können.

Heute packt er bei der Verkabelung an und die beiden kommen rasch voran. So sehe ich dann auch zum ersten Mal die Mini-Blinker in Aktion und kann nur darüber staunen, wie hell die Winzlinge strahlen. Auch das Zündschloss hat jetzt einen Platz gefunden und ist seitlich noch im Lampentopf untergekrochen, womit das Fassungsvermögen der Blechschüssel auch endgültig erschöpft ist. Die elektronische Zündbox versteckt sich zukünftig zwischen den Rahmenrohren unterm Tank, während Spannungsregler, Anlasserrelais, Gel-Batterie und Sicherung im angefertigten Edelstahlkasten unter der Sitzbank verschwinden. »Funktioniert alles, auch die Leuchtdioden in der Lampe. Jetzt fehlt nur noch die Kennzeichenbeleuchtung und die Hupe, das war’s dann mit der Elektrik. Aber das mache ich mein nächsten Mal, für heute ist’s genug.« Stimmt, der Tag ist schon wieder rum. Bis zur nächsten Session wird wieder eine ganze Woche vergehen.

Doch kommt am Abend noch Frank zu Besuch, der Lackierer. Ursprünglich hatte ich angesichts meines begrenzten Budgets geplant, die Lackierarbeiten selber zu machen. Da hätte ich dann zwar mit einer »Do-it-yourself«-Qualität leben müssen, aber aus der XS soll ja am Ende ein Tracker werden, und dieser spezielle Style kann nach meinem Geschmack ruhig eine gewisse Räudigkeit vertragen. Außerdem machen die Jungs von »Blitz Motorcycles« aus Paris seit vielen Jahren vor, welche Ausstrahlung ein Bike selbst mit einem restlos ramponierten Tank haben kann, bei Möbeln würde man das wohl »shabby-chic« nennen.

Ich erinnere mich noch gut an den ersten »Blitz«-Auftritt bei den BMW Motorrad-Days in Garmisch vor etlichen Jahren, als man in ihrem schmucklosen Pavillon zwei alte BMW-Zweiventiler auf Euro-Paletten bewundern konnte. Die eine trug einen zerbeulten und zerkratzten Honda-Tank, die andere den ebenfalls etwas angegriffenen Tank einer XT 500. Fast interessanter als die Bikes waren jedoch die Reaktionen und Kommentare des vorbeischlendernden BMW-Stammpublikums, denn in den Augen der Meisten waren diese Kreationen bestenfalls ein rollendes Desaster und wurden wahlweise als »Kernschrott«, »Bastlerkarre« oder »machanische Ruine« abgetan. Nun, die Alt-BMW mit dem XT-Tank, »La Parisienne« genannt, hat inzwischen einen Platz im BMW-Museum ergattert und in der Szene Kultstatus – wie im Übrigen nahezu jedes Blitz-Bike. Es muss also nicht immer »Showroom Condition« sein.

Wie verwandelt: Der Tracker-Umbau kommt in die Endphase, vom ursprünglichen Look der XS 750 ist aus dieser Perspektive nichts übrig geblieben.

Am Ende entschied ich mich dann aber doch für einen Profi-Lackierer, denn erstens gab das Budget das scheinbar noch her, zweitens lief mir langsam die Zeit davon. Ein guter Moment für einen kleinen Hinweis in Sachen Zeitmanagement: Sich niemals unter Druck setzen! Ich hatte den Fehler gemacht, mit Teil 1 dieser Serie im Heft zu früh gestartet zu sein. Doch schien mir der Umbau im Dezember schon so weit fortgeschritten, dass ich davon ausging, die fünf weiteren Teile der Serie – sprich fünf Monate – würden locker reichen, um in »Echtzeit« einen bequemen Vorsprung vor dem Heft zu halten – was sich als Irrtum herausstellen sollte. Denn auch weiterhin hatte ich nur einen Tag in der Woche und zudem gröbstmöglich unterschätzt, wie lange einzelne Arbeitsabschnitte bei dem Tempo dauern. So ist dieser Teil 5 jetzt quasi schon ein Live-Ticker.

Aber dafür übernimmt das Lackieren jetzt ja ein anderer. Einer, der es kann. Frank Peine ist Chef im »Lackwerk Duisburg«, empfohlen wurde er mir durch einen Kumpel von einem Kumpel – so geht das manchmal. Weil unsere Schrauber-WG heute Abend zufällig auf seinem Weg liegt, hatte er angeboten, mal kurz vorbeizukommen. Ich hatte die im GFK-Rohling der Sitzbank verschraubten Unterteile der Druckknöpfe bereits wieder herausgeschraubt, schließlich sollen die ja nicht mitlackiert werden. Auch der Tank war zum Lackieren bereit, allerdings musste er vorher noch eine Druckprüfung bestehen.

So oder so war nun also der Tag gekommen, an dem ich mich endgültig für eine Farbe entscheiden musste. Wobei »Farbe« vielleicht ein etwas zu großes Wort ist für das Grau, dass sich final in meine Visionen gemogelt hat. Schuld an dieser »Nicht-Farbe« ist das knallende »Verkehrsrot« des XS-Skeletts. Irgendwann setzte sich bei mir die Erkenntnis durch, das jede weitere Farbe dazu nur schamlos in Konkurrenz tritt, und wenn die XS schon den Projektnamen »Mühle Rouge« trägt, dann sollte das Rot doch dominieren. Deshalb war mir das dann auch Farbe genug, dazu der tiefschwarze Motor – da passt ein fruchtiges Grau doch ganz gut. »Grau, aha … welches Grau denn? Die Auswahl ist groß. Musste dir bei mir mal Farbkarten anschauen. Und sonst? Irgendwelche Streifen oder Dekore …?« »Ein Streifen wär’ schön. Schwarz. Von vorne bis hinten, also auch auf dem Bürzel der Sitzbank.« »Kein Problem. Wie breit?« »Öhm … etwa so.« Ich zeige die Breite mit Daumen und Zeigefinger. »Das testen wir am besten am Tank mit Klebestreifen aus. Ein drei Zentimeter breiter Streifen sieht nicht auf jedem Tank gleich gut aus, die Relationen müssen passen. Das kann man nur ausprobieren. Geht aber ruckzuck, wirst du dann sehen. Willst du eine Outline?« »Was will ich …?« »Eine Outline. Sollen rechts und links neben dem breiten Streifen noch zwei schmale Linien sein … eine Outline halt?« »Gute Frage …« Bisher hatte ich keine Zeit darauf verwendet, über die Feinheiten eines Streifens nachzudenken. »Das zeig ich dir dann auch mit Klebestreifen. Wann bringst du mir die Teile?« »Nächste gute Frage …«

Besuch der alten Dame: Für ein paar Tage zieht eine CB 750 Four ein – ein Zylinder macht Probleme.

Die Druckprüfung macht jetzt Druck. Am Ende geht sie zwar problemlos über die Bühne, bedeutet aber wieder Fahrerei, Warterei, Zahlerei – für ein Papier. Eine große Hilfe war in diesem Zusammenhang Thomas Bollmann von der »Rahmenschmiede« in Herne, der mir mit Rat und Tat zur Seite stand. Und irgendwie interessierte es mich ja schon, ob die indische Wertarbeit auch dem geforderten Druck standhält, wer braucht einen leckenden Tank? Als auch das geschafft ist, mache ich einen Termin im Lackwerk Duisburg, um mit Frank die Details zu besprechen. Die Einstanzungen auf den Flanken des Tanks für runde Embleme müssen geglättet werden, denn meine Embleme sind länglich, ich kann da nix Rundes gebrauchen. »Dann werden wir zunächst mal die Oberfläche glätten, da sind doch ziemlich viele kleine Macken und Kratzer drin.« Die merkwürdige Bohrung vor dem Einfüllstutzen, dank derer am Ende der Tank vorn festgeschraubt werden kann, sieht aus wie ein Krater mit Wassergraben, auch das soll nicht so bleiben. Dann kommen wir schließlich zum Streifen, und es braucht tatsächlich nicht lange, bis Frank eine Breite mit Klebestreifen simuliert hat, bei der es bei mir klick macht: »Nicht breiter, nicht schmaler. Genau so.« Im Handumdrehen hat er außerdem rechts und links mit ein paar Millimetern Abstand noch einen dünnen roten Streifen geklebt, was mir auf Anhieb ebenfalls gefällt. »Okay, das Design hätten wir dann. Jetzt zur Farbe, aber dafür gehen wir ins Büro.«

Dort wartet neben einem Kaffee auch noch ein kleines Arrangement von Farbkarten, die Frank bereits vorbereitet hat. Das Rot des Rahmens, das Schwarz des Motors, jeweils kombiniert mit verschiedenen Grautönen. Auch hier dauert es nicht lange, an den konkreten Beispielen den Favoriten zu erkennen. Ich hatte mir zwar eigentlich ein viel helleres Grau vorgestellt, die Kontraste sprechen allerdings für sich. »Ist das neue Skoda-Grau, das du dir da ausgesucht hast«, klärt Frank mich auf, »haben die gerade erst rausgebracht.« Dann erzählt er noch davon, dass sich insbesondere an der Farbe Grau gern die Geister scheiden. »Manche sagen auch: Oh, schön grundiert – aber irgendwie das Lackieren vergessen, oder …?« Okay, da muss ich halt drüberstehen.

Zwei Wochen wird es dauern, bis ich die fertigen Teile wieder in der Hand halte, die Vorarbeiten mitsamt der Trocknungszeiten des Basislacks sowie etlicher Klarlackschichten brauchen ihre Zeit, auch der Streifen ist nicht mal eben gemacht. Aber es ist ja auch noch genug anderes zu tun.

Der seitliche Kennzeichenhalter ist in der Post. Gefunden hatte ich ihn bei JS-Parts, wo der seitliche Halter für eine XS 750 SE im Angebot war. Die »SE« war seinerzeit die Softchopper-Variante des Triples, und wenn der Halter auch nicht genau passen wird, so dürfte er doch mit überschaubarem Aufwand passend gemacht werden können. Genau so ist es dann auch. Fixiert an Hinterrad-Nabe und unterem Federbeinauge ist der Ausleger zum Federbein gut 20 mm zu lang – aber nicht lange. Nach einer halben Stunde mit ein wenig Flex- und Bohrer-Getöse sitzt der Halter fest verschraubt an seinem Platz.

»Was willst’n dafür haben?« Die Frage kommt von schräg hinten – meint der mich?
»Meinst du mich?«
»Jo, die Yamaha, was soll die kosten? Ist doch ne Yamaha, oder?«
»Jo. Ist aber nicht verkäuflich.«
»Ach so … ich dachte, man kann die Mopeds hier alle kaufen. Hab’ hier um die Ecke immer wieder mal zu tun und neulich mal gesehen, dass hier Karren umgebaut werden.«

Rohr verlegt, aber nicht fertig: Die 3-in-1-Anlage ist konstruiert, muss aber noch fertig geschweißt und am Ausleger der Soziusfußrasten verschraubt werden.

Ich kläre ihn auf, dass hier nichts Kommerzielles passiert, »alles nur Hobby, wir nennen es unser Herrenzimmer.« Ich erzähle von unserer Schrauber-WG und der gemeinsamen Arbeit, er bestaunt die Umbauten und leiert den Text runter, den ich gefühlte hundert Mal auch von anderen schon gehört habe: »Würd’ ja auch gern so’ne alte Kiste umbauen, hab’ noch eine alte Honda im Keller. Aber keinen Platz zum Schrauben.« Mein Vorschlag, doch selber so eine Community ins Leben zu rufen, bringt ihn immerhin ins Grübeln. »Hmm, … tja … wenn man da noch andere finden könnte …«

Am Ende will er dann aber noch wissen, was die XS denn kosten würde, wäre sie verkäuflich. »Keine Ahnung. Aber bei all den Stunden, die da drinstecken, mindestens … öhm …« Ich weiß ehrlich nicht, was ich ihm dazu sagen soll. Irgendwann habe ich aufgehört, die Arbeitsstunden noch zu zählen, zumal ja nicht nur ich an der XS gewerkelt habe. Jedenfalls wird einem bei der Arbeit an einem solchen Projekt irgendwann sonnenklar, warum Custom-Bikes so teuer sind – spätestens, nachdem man einen ganzen Nachmittag auf einen winzigen Fender verwendet hat. »Da käme ein Preis heraus, den würdest du nicht zahlen wollen. Kannste dir sicher auch ’ne neue Harley von kaufen, ’ne ganz schön dicke.« Dabei belasse ich es, er bläst die Backen auf, scheint sich aber mit der Info abzufinden.

Dann ist Weihnachten – und das im Februar! So fühlt es sich jedenfalls an, als ich die fertigen Teile beim Lackierer abholen kann. Ich komme zum verabredeten Termin etwas zu früh und kann deshalb noch live miterleben, wie Tank und Sitzbank von Franks Mitarbeiter Christian den letzten Schliff erhalten. Und das im wahren Wortsinn, denn er rückt den – nach meinem Empfinden fertigen – Teilen noch einmal mit Schleif- und Poliermitteln zu Leibe. Dabei sieht er noch Nachbesserungsbedarf, wo ich nichts erkennen kann, schleift wieder stumpfe Flächen in den doch eigentlich makellosen Klarlack, was durchaus schmerzt. Doch im Nu sind die Stellen auch wieder poliert und glänzen danach wie ein makelloser Spiegel. Spätestens jetzt ist aus dem indischen Blechrohling ein edler Tank geworden, der schönste, den ich je zwischen den Knien haben durfte.

Als ich die Teile in unserer Werkstatt dann auf die XS lege und provisorisch auch Gummipads und Embleme auf den Tank hefte, wird mir echt warm ums Herz. Vor mir steht das Ergebnis von anderthalb Jahren Arbeit, und auch wenn ich noch immer nicht fertig bin, so zeigt der Tracker doch jetzt zum ersten Mal sein wahres Gesicht. Und wenn ich mich nicht täusche, lächelt es …

Für den Re-Start allerdings müssen wir uns bis Teil 6 gedulden.

Auf der Zielgeraden: Nach anderthalb Jahren Arbeit zeigt der Tracker zum ersten Mal sein wahres Gesicht. Sein Vorleben sieht man ihm nicht mehr an.