TIME TUNNEL

In einem uralten Motorradwerk in Ratingen wird seit rund 100 Jahren mit Hingabe geschraubt. Besuch in einem quicklebendigen Industriedenkmal.

»Mein Opa hat insgesamt vielleicht so um die 450 Motorräder gebaut – ist aber nur eine grobe Schätzung. Es gibt zwar noch viele Unterlagen, aber es ging doch auch so manches verloren. Der Betrieb wurde 1921 gegründet – ist `ne lange Zeit …« Thomas von der Bey erzählt von seinem Großvater August Wurring, der Anfang des letzten Jahrhunderts bei der Deutschen Lastautomobilfabrik AG in Ratingen den Beruf des Elektromaschinenbauers gelernt hatte, bevor er sich dann 1921 als Motorradbauer selbstständig machte. »Das kann man sich heute nicht mehr vorstellen, aber von 1895 bis weit ins nächste Jahrhundert gab es an Rhein und Ruhr rund 200 Motorradhersteller, mehrere Automobilhersteller und sogar einen riesigen Lkw-Betrieb. Die hauten genauso hohe Stückzahlen raus wie Benz, vor allem, als dann der Erste Weltkrieg losging.« 

Die großen Motorradhersteller in der Region waren zu jener Zeit Tornax in Wuppertal, Imperia in Köln, die Hoffmann-Werke in Lintorf und RMW in Neheim-Hüsten, die unter dem Namen Phönix Motorräder in großen Stückzahlen bauten. Dazu gab es zahllose »Konfektionäre«, die nur bestimmte Teile selber herstellten und alles andere zukauften. Doch nach dem Ersten Weltkrieg lag die Wirtschaft darnieder, Thomas’ Großvater hatte seine Lehre erfolgreich abgeschlossen, musste sich jedoch wie viele andere Facharbeiter als Tagelöhner durchschlagen. 

Doch 1917 hatte ihm ein Schrotthändler ein altes Adler-Motorrad von 1903 geschenkt, mit einem leistungsschwachen Viertaktmotor mit Schnüffelventilsteuerung, ohne Getriebe, der Antrieb erfolgte über einen Riemen, der schon bei der kleinsten Steigung durchrutschte. »Dieses Motorrad hat mein Opa dann nach seinen Vorstellungen umgebaut. Er hat eine Säge zur Hand genommen, den Rahmen zerlegt und dann wieder neu zusammen gesetzt. Vorbild für ihn waren englische Vorkriegs-Motorräder, die er als Kind des Öfteren gesehen hatte. Der Rahmen war dann deutlich flacher, dem Motor hat er etwas mehr Leben eingehaucht und den Riemen- durch einen Kettenantrieb ersetzt. Weil das prima funktionierte, wollten auch Freunde und Bekannte so etwas haben und so begann mein Opa, Motorräder zu bauen. Da war er gerade mal 17, 18 Jahre alt.« Mit 20 machte er sich dann selbstständig, gründete die Motorradmarke AWD – August Wurring, Düsseldorf – und legte los.

Was damals niemand ahnen konnte: Den Betrieb, den er im Jahr 1930 zwecks Vergrößerung dann baute, gibt es bis heute. Im Ratinger Niemandsland, irgendwo zwischen Düsseldorf und Duisburg, nicht weit weg vom Breitscheider Kreuz und versteckt hinter Wohnhäusern an der B 227, stehen noch immer die Produktionsstätten von AWD. Dass sie dort noch stehen, ist vor allem Thomas von der Bey zu verdanken, der das Erbe seines Großvaters nicht nur hegt und pflegt, sondern es im wahren Wortsinn auch lebendig hält. 

»Alle Motorräder, die hier in der Halle stehen, laufen. Die in der Werkstatt stehen, laufen
nicht. Also … noch nicht.« Wir stehen in der Fahrzeughalle am Ende des Komplexes, wo der technische Nachlass von August Wurring formatfüllend in Doppelreihe an der Wand aufgestellt ist, auch die Galerie ist hoffnungslos zugeparkt. Rund zwei Stunden haben wir gebraucht vom Werkstatt-Tor bis hierher. Zwei Stunden für vielleicht gerade mal siebzig Meter, und doch hat sich das Ganze angefühlt wie ein Schnelldurchgang. Eine geraffte Zeitreise durch die bald 100-jährige, höchst individuelle Geschichte eines kleinen Motorrad-Konfektionärs, der zwei Wirtschaftskrisen und zwei Weltkriege überstanden hat und auch noch weiterexistierte, als um ihn herum jeglicher Fahrzeugbau längst zum Erliegen gekommen war. Die Arbeitsplätze in der Werkstatt wirken so, als seien sie gerade erst verlassen worden. 

Thomas erzählt von dieser Zeit, als sei er dabei gewesen. Und gewissermaßen war er das auch, denn sein schwerkranker Vater stirbt früh und er wird vom Großvater erzogen. »Opas Werkstatt war mein Abenteuerspielplatz, hier habe ich einen Gutteil meiner Kindheit verbracht. Der war bis zum Ende auch noch sehr aktiv im Rennsport, früher als Fahrer, später hatte er einen eigenen Rennstall mit Werksfahrern. Seine Rahmen waren in der Rennszene heißbegehrt. So um 1950 gab es insgesamt vielleicht 60 Seitenwagen-Rennfahrer in Deutschland, bestimmt an 40 dieser Rennmaschinen waren die Seitenwagenrahmen von meinem Opa gebaut. Die Rennerei war seine eigentliche Leidenschaft. Ist selber Speedway-, Zementbahnrennen und Seitenwagenrennen gefahren und hat mir sehr viel erzählt von diesen Zeiten. Später hat er dann in Hockenheim und am Nürburgring für den Rennsportverband die technische Abnahme der Rennmaschinen gemacht, da hat er mich immer mitgenommen. So hab ich als kleiner Pimpf dann auch die großen Fahrer aus der Zeit kennengelernt, Walter Zeller und Konsorten.«

Dann zeigt mir Thomas Zeitungsartikel aus den Zwanziger Jahren, und wenn man es auf den Fotos nicht sehen könnte, würde man es kaum glauben: Randvolle Tribünen rund um weite Ovale, auf denen vorsintflutliche Motorräder in Rudelstärke um jeden Meter kämpfen. »Das ist alles in Vergessenheit geraten, ich hab’ viele Stunden in Stadtarchiven verbracht, um das wieder auszugraben. Allein im Oberhausener Niederrhein-Stadion wurden von 1925 bis weit in die Dreißiger Jahre Speedway-Rennen gefahren, und zwar an jedem zweiten Wochenende von Ende Februar bis Ende November. Da waren dreißig-, vierzigtausend Zuschauer auf den Tribünen, die Fußballer haben damals immer neidisch auf die Motorradfahrer gekuckt. Und es gab einige solcher Speedway-Arenen in der Gegend.«

All das sprudelt aus Thomas nur so heraus, kein Zweifel, der Mann steckt tief in der Materie – was nicht verwunderlich ist, wenn ein Motorradwerk die eigene Kinderstube war. So lag es auf der Hand, dass auch aus Thomas ein Maschinenbauer wird, und er war schon auf dem besten Wege dazu, als das Leben dann einen anderen Plan für ihn entwirft. Nachwuchs stellt sich ein, bedarf jedoch besonderer Zuwendung, und so verdingt sich Thomas zunächst in einer Jugendherberge, erst als multitalentiertes Mädchen für alles, später dann als Koch. Daran hat sich bis heute nichts geändert. »Ich hab’ eine Sechstagewoche, da bleibt nicht viel Zeit für die Werkstatt. Aber wenn ich kann, bin ich hier, zu Tun ist genug. Bei meiner Frau ist das wie bei einer Witwe: Die weiß auch immer, wo ich stecke«, lacht er.

Ich habe zwar schon so manche Werkstatt und auch viele Sammlungen gesehen, doch das hier toppt alles. Denn das altertümliche Werkstatt-Equipment von zum Teil noch fußgetriebenen Maschinen übers Schmiedefeuer und die Magnetisier-Maschine bis hin zur Drehbank wirkt nicht wie eine aufgehübschte Zurschaustellung historischer Technik. Hier wird in vielen Bereich noch immer gearbeitet, die Hebebühnen stehen voll, denn der Hausherr wie auch Freunde haben ein zeitaufwändiges Hobby: historischen Rennsport. Da braucht es viel Leidenschaft, Know-how und Handarbeit, um die alten Racer einsatzbereit zu halten. 

»Die großen alten Maschinen aus den Zwanziger Jahren nutzen wir natürlich nicht mehr, die wurden früher über eine Transmission angetrieben, die Riemen liefen oben an der Decke entlang und in der Mitte stand ein riesiger Stationärmotor, der den zentralen Riemen antrieb. Aber sonst wird hier schon noch viel gesägt, gehämmert, geschliffen und geschweißt. Wie seit eh und je.«

Doch hat Thomas inzwischen seine Rennsport-Einsätze limitiert. »Bei der Deutschen Veteranen-Meisterschaft mitzufahren, ist einfach zu teuer und zu aufwändig geworden. Plötzlich brauchte man eine Lizenz, dann konnte man nicht mehr die Klamotten tragen, die man wollte, Start- und Nenngelder wurden immer höher und die Strecken waren immer weiter weg. Wir fahren jetzt immer nach Holland, da macht das noch richtig Spaß. Die haben da eine sehr nette, unkomplizierte Szene und ein Super-Publikum. Da sitzen die Leute in ihren Vorgärten und klatschen.«

Als vor einigen Jahren dann eine Sanierung der alten Fabrikgebäude nicht weiter aufzuschieben ist, erfährt Thomas handfeste Hilfe aus der Oldtimerszene. Ein Förderverein gründet sich, auch der Veteranen-Fahrzeug-Verband (VFV) hilft mit seinem Internet-Forum, und so können ausreichend viele Spendengelder zusammengetragen werden, um das Dach der alten Halle zu erneuern. »Das hätten wir alleine nicht hingekriegt, diese Hilfe war mehr als willkommen.«

Wir brauchen viel Zeit, um in der Halle all die vielen Geschichten wenigstens anzureißen, die hier aufgereiht sind. Hier stehen ausschließlich »Handcrafted Bikes« der unterschiedlichsten Epochen, ein jedes Exponat mit einer höchst individuellen Vita, die beinahe immer auch eine Rennsportvergangenheit beinhaltet. »Die meisten Straßenmaschinen, die mein Opa gebaut hat, sind alle irgendwann verschrottet worden. Das waren Gebrauchsmotorräder, und wenn die nicht mehr zu reparieren waren, holte sie der Schrotthändler. Da gibt es nicht mehr viele von. Die Rennmaschinen jedoch hat man am Ende ihrer Karriere zur Seite gestellt, die haben überlebt.«

Schließlich zeigt Thomas mir dann auch noch Opas Büro. Ein enges Kabuff mit winzigem Schreibtisch, darauf eine steinalte Schreibmaschine, herumliegende Rechnungen und Notizen neben abgegriffenen Ablagekästen aus Holz, eine Regalwand voller dicker Ordner. Auch hier wirkt alles so, als wäre kürzlich noch der Herr dagewesen, der jeden Mittwoch mit dem Fahrrad aus Mülheim an der Ruhr angestrampelt kam, um am Nachmittag dann die Buchführung der ganzen Woche für den gesamten Betrieb zu machen. »Mein Großvater hatte immer so vier bis fünf Mitarbeiter und ein oder zwei Lehrlinge. Dazu kam der Papierkram mit rund 50 Lieferanten, Opa hat ja nur die Rahmen gebaut. Alles andere, vom Motor bis zu den Speichen, kam von außen. Die Buchhaltung für all das hat damals ein Mann an einem Nachmittag für die ganze Woche erledigt, ohne EDV. Heute ist das Verhältnis eher umgekehrt: Da ist noch einer in der Werkstatt, fünf Mann sitzen im Büro.« Etwas in mir nickt.

Nun könnte man ja meinen, dass ein bald hundert Jahre altes, noch immer komplett authentisch eingerichtetes Motorradwerk, in dem nach wie vor an den alten Motorrädern gearbeitet wird, inklusive einer weltweit einzigartigen Marken-Sammlung und obendrauf noch jeder Menge Motorsport-Historie, dass so eine industriehistorische Einmaligkeit bestimmt gefördert wird – von der Stadt, vom Land, von wem auch immer.

»Das müssen wir weiterhin allein hinkriegen. Nur vier Mal im Jahr kann man das Werk und die Sammlung besichtigen, wenn wir das hier zu einem richtigen Museum machen wollten, müssten wir so viele Auflagen erfüllen … die finanziellen Möglichkeiten hab’ ich einfach nicht. Ich hab’ nicht mehr als das Glück, das der Opa nie was weggeschmissen hat.«

Hier der Link zur Seite des AWD-Museums: www.awdmuseum.de