EINE NACHT IN PARIS – BIS ZUM MORGENGRAUEN …

Stundenlange Stadtrundfahrten auf dem Motorrad haben in der Regel bestenfalls mäßigen Reiz. Es sei denn, Ziel und Zeit fallen etwas aus dem Rahmen …

Berühmteste Toreinfahrt der Welt: So ab 1.00 Uhr in der Nacht wird auch auf dem Champs Élysées der Verkehr langsam dünner.

Es gibt Dinge im Leben, die nehmen einfach ihren Lauf. So wie neulich bei Willi im Hinterhof neben dem Hasenstall. Seit Jahrzehnten schon brennt an dieser Stelle immer wieder mal ein Lagerfeuer, drum herum kratzen ebenso lange schon die immer gleichen Gestalten mit langen Stöckchen im Dreck und erzählen vom Leben auf und neben der Straße. Schmieden Pläne. Malen Träume aus. Beleidigen gegenseitig ihre Karren. Setzen Schnapsideen in die Welt. So was halt.

An dieser heiligen Stätte kreisen die Gespräche inzwischen immer öfter um die alten Zeiten, als wir für jeden noch so abstrusen Ritt stets ein offenes Ohr hatten – »weisse noch …?« Als wir die Rollen auf unsere SR’, XT, GS oder CB zurrten, großzügig Werkzeug und Ersatzteile auf die Böcke verteilten und auf unabsehbare Zeit nicht mehr zu halten waren. »Wohin?« »Süden …«

Außerhalb der Semesterferien entdeckten wir eine Zeit lang die Reize der Nacht. Fuhren abends um zehn los und kamen gegen sechs wieder zurück, unser Ziel waren die Hinterhöfe des Ruhrgebiets: Halden, Industriebrachen, Hafenanlagen, tote Zechen – ein Playground der Superlative, wenn man für so was zu haben ist und sich keine übermäßigen Sorgen über seine eh leicht verwanzte Enduro machen muss. Was mir aus dieser Nacht-Phase jedoch vor allem in lebendiger Erinnerung geblieben ist, waren die Cruises durch eine Metropole im Tiefschlaf, wenn in dem restlos verbauten Moloch nahezu alles still steht und die Straßen exklusiv nur noch für uns beleuchtet wurden. Es hatte jedenfalls damals was ganz spezielles, eine Motorradtour im Morgengrauen mit frischen Brötchen unter der Jacke zu beenden. Das verlor sich dann aber auch wieder.

Bis neulich. Als wir wieder mal in Willis Hof saßen und uns unserer nächtlichen Ausflüge erinnerten, insbesondere an einen schrägen Plan, den wir nie realisiert hatten: Eine Nacht in Paris! Mag sein, dass wir an dem Abend sentimentaler waren als sonst. Vielleicht war auch ein bisschen Prahlerei dabei. Gut möglich aber auch, dass wir alle einfach nur ein Bier zu viel hatten – als das Feuer runtergebrannt war, schwebte jedenfalls eine Verabredung über dem Hof: Zwei Tage später am Sonntag gegen Mittag geht’s los, Ankunft in Paris am Abend, Sightseeing bis zum Morgengrauen und dann retour, erst mal so weit, wie es dann noch geht. Wer es einrichten kann, kommt mit. Acht Mann husteten ein »jau« in die Runde, ich rechnete am Startplatz mit vieren, wir waren dann zu zweit. Immerhin ein Schnitt, wenn auch kein guter.

Markenkollegen: Die Flics kamen eigentlich angerauscht, um uns vom Bürgersteig zu vertreiben. Eine halbe Stunde später haben wir uns dann abgeklatscht.

Jetzt fährt Lars rechts ran, wir sind deutlich zu früh angekommen, die Nacht ist noch fern, locker noch zwei Stunden, bis die Sonne untergeht. »Un’ jetz‘?!« Ich habe keinen Plan und schlage deshalb vor, was ich schon immer mal wollte: »Kaffee am Triumphbogen!« Das Navi zeigt noch rund acht Kilometer bis zur Avenue des Champs-Élysées und als wir etwas später auf die legendäre Prachtmeile abbiegen, geht hier rein gar nichts. Ruhender Verkehr, ein Meer aus Blech, am Horizont die vertrauten Konturen der wohl berühmtesten aller Toreinfahrten. »Raus hier! Erst mal rechts irgendwo parken!« Wir arbeiten uns erneut an den Straßenrand und stranden an einem Koloss von Bordstein, locker vierzig Zentimeter hoch, mehr eine kleine Wand. 

An einem Fußgängerüberweg nutzen wir die Gunst der Rollstuhlrampe, um auf den Handballfeld-breiten Bürgersteig zu kommen. Kaum das wir die Helme abgezogen haben, tauchen wie aus dem berühmten Nichts zwei dicke BMW’s mit unzweideutiger Lackierung neben uns auf, auch die schicken Blaulichter lassen nicht den geringsten Zweifel, dass man uns wohl gern näher kennenlernen möchte. Nachdem die Formalitäten geklärt sind, machen die beiden Flics uns klar, dass wir hier auf keinen Fall stehen bleiben können, auch nicht für ein Foto. Um dann erst mal näher auf die K 1600 GT einzugehen, zu der Lars jetzt eine Menge erzählen muss. Schließlich fachsimpeln wir zu viert in allen uns zur Verfügung stehenden Sprachen über die Vor- und Nachteile der GT gegenüber ihren Dienst-RT’s, tauschen technische Daten aus und verstehen uns eigentlich blendend, worüber die Zeit vergeht. Als wir mit den besten Wünschen auseinandergehen, fließt der Verkehr wieder, doch in den Cafés in der Nähe des Arc de Triomphe würde nicht mal mehr eine Maus einen Platz finden. Dafür ist immerhin inzwischen die Sonne untergegangen – nehmen wir den Kaffee halt später.

Es gibt keine Route für die Nacht, unser Streckenplan ist recht schlicht: Wir steuern eine
Sehenswürdigkeit an, wenn wir sie erreicht haben, geben wir die nächste ein. Und lassen uns überraschen, wo das Navi uns langschickt. Jetzt ist allerdings zunächst mal vollkommen zielloses Cruising angesagt. Wir lassen uns mit dem Strom treiben und schießen uns auf den lokalen Fahrstil ein, der bisweilen angenehm sportliche Züge trägt. Der Pariser an sich scheint es auch an einem Sonntagabend eilig zu haben, auf den x-spurigen Boulevards werden wir von einer flotten Welle im Nu nach Osten gespült. Wenn wir eine große Kreuzung überqueren – was gefühlt alle paar hundert Meter geschieht – geht der Blick nach rechts oder links in pompöse Häuserschluchten, nicht selten schiebt sich ein opulent illuminierter Monumentalbau ins Bild. Hier atmet alles Geschichte, allein die Hinweisschilder am Straßenrand erinnern mich an meine Schulzeit zwischen Quarta und Obertertia: Arc de Triomphe, Place de la Concorde, Panthéon, Bastille, Cathédrale Notre-Dame, Tour Eiffel, Basilika Sacré-Cœur – und das sind nur ein paar wenige der vielen Kirschen auf dieser historischen Torte. Bei unseren damaligen Nachtfahrten waren den Hinweisschildern andere Ziele zu entnehmen: Oberhausen-Sterkrade, Gelsenkirchen-Bismarck, Essen-Borbeck … auch schön, aber bei weitem nicht so gut beleuchtet.

Auf Höhe des Centre Pompidou biegen wir nach rechts an die Seine ab, denn ich habe kurz zuvor am Ende einer gewaltigen Häuserschlucht die Türme von Notre Dame aufblitzen sehen. Die Heimstatt des Glöckners wollen wir uns aus der Nähe ansehen, doch der Trubel dort ist uns auch kurz vor elf immer noch zu groß. »Los, einmal an der Seine lang bis zum Eiffelturm und dann am anderen Ufer wieder zurück.« An den Quais der Seine setzen wir den Blinker nach rechts und bummeln westwärts am Ufer entlang. Dabei haben wir ständig die phänomenal inszenierten Ufer und Brücken im Blick, die Kulisse ist schlicht atemberaubend. Ich muss mich dazu zwingen, ab und zu auch mal auf die Straße vor mir zu schauen. Ab und zu verschluckt uns ein kleiner Tunnel und spuckt uns in einem weiteren Lichtermeer wieder aus, alles gespiegelt vom träge dahinfließenden Fluss, auf dem noch immer nicht minder bunt beleuchtete Ausflugsboote kreuzen. An der Pont de l’Alma scheint uns der weithin strahlende Eiffelturm nahe genug, um jetzt den Fluss zu überqueren, denn er steht am anderen Ufer. 

Vor dem Brand: Nicht lange nach diesem Foto brannte die Kathedrale von Notre Dame.

Um zu ihm zu kommen, müssten wir dann nach rechts, doch dort stehen schon wieder blinkende Polizei-RT’s – da kann man jetzt nicht abbiegen, warum auch immer. Den Pflichtbesuch beim Turm machen wir dann halt später, die Nacht ist noch lang. Also rollen wir an der anderen Uferseite zurück und saugen wieder leuchtende Traumkulissen auf die Festplatte, bis wir hinter dem Musée d’Orsay rechts abbiegen, um zum Boulevard Saint-Germain zu kommen. Dort erhoffen wir uns endlich den längst überfälligen Kaffee und werden nicht enttäuscht. Man hatte mir als Tipp mit auf den Weg gegeben, dass man im Café de Flore auch weit nach Mitternacht noch bedient wird, und wir sind zwar die definitiv letzten Gäste, aber man bedeutet uns mit einem Lächeln, dass eine Bestellung noch geht. Auch dieses Café ist gewissermaßen ein historischer Ort, den hier pflegten Alberto Giacometti, Pablo Picasso, Jean-Paul Sartre oder Simone de Beauvoir ihre kleinen Auszeiten zu nehmen. Karl Lagerfeld kam auch öfter mal vorbei, er soll hier um die Ecke gewohnt haben. Ein durchaus angemessener Ort also für Lebenskünstler aller Art – »Deux Café au Lait, s’il vous plaît …«

Man lässt uns Zeit für den Kaffee, schmeißt aber trotzdem schon mal den Staubsauger an. Als die letzte Ecke dann sauber ist, werden wir mit einem augenzwinkernden Blick zur Uhr abkassiert, es geht auf zwei Uhr zu und wir kehren erst einmal zurück zur Seine.

Dieses Edel-Panorama kosten wir bis zum Ende aus, können uns nicht losreißen von dieser zauberhaften Flussfahrt, bis dann der Boulevard Périphérique quasi einen Riegel vorschiebt. Tauchen wir unter ihm durch, verlassen wir damit das Hoheitsgebiet der Stadt, nahezu alle Arrondissements von Paris sind innerhalb dieses 35 Kilometer langen Asphalt-Rings, der wie ein teilweise fünfspuriger Donut die Metropole umschließt. Diese Endlos-Kurve braucht jetzt kein Mensch, wir queren über die Pont National erneut den Fluss und lösen uns nach Norden von der Seine.

Für Nachtschwärmer: Rund um die »Rote Mühle« müssen Kellner und Köche mit den längsten Öffnungszeiten der Pariser Gastro leben.

Am Place de la Nation meldet sich der Hunger, doch selbst in Paris ist um Mitternacht nicht an jeder Ecke ein Snack zu kriegen. In einem kleinen Kiosk am Boulevard de Ménilmontant ist noch Licht, doch gibt es hier nur in Folie verschweißte Baguettes ungewisser Herkunft – so groß ist der Hunger dann doch wieder nicht. Immerhin kann ich einer kleinen Hinweistafel entnehmen, dass hinter der Mauer rechts von uns auf dem Friedhof Père Lachaise u. a. Honoré de Balzac, Frédéric Chopin, Yves Montand, Oscar Wilde und Jim Morrison begraben sind. Doch das Friedhofstor ist verschlossen, und frische Fritten gibt’s da eh nicht. 

Ich gebe »Montmartre« ins Navi ein, dort soll ja eine Kneipe neben der anderen sein, und genau so ist es dann auch. Nur haben die meisten tatsächlich längst geschlossen. Lediglich am Boulevard de Clichy, der Pariser Reeperbahn sozusagen, findet sich vereinzelt noch Glut unterm Grill. Wir stellen die Mopeds in unweit des Moulin Rouge in Sichtweite ab, geben uns eine marokkanische Allerlei-Platte auf dem Bürgersteig und beobachten die vorbeiziehenden Völker, die kurz vor drei in der Nacht bunter nicht sein könnten. Als wir dann aufbrechen, hat die Stadt selbst hier auf Ruhepuls geschaltet, nur gelegentlich noch brettert ein Renault vorbei, auch unser Marokkaner lässt hinter uns die Rolläden rattern. Eine gute Zeit für einen weiten Blick. Den gibt es von der Spitze des »Märtyrer-Bergs« (»Montmartre«), der einzig relevanten Erhebung der Stadt. 

Ganz oben drauf steht Sacré-Cœur, die weiße Kirche, von ihrem Fuß hat man eine Weitsicht über ein fulminantes Lichtermeer. Die breiten Treppen hinauf zur Kirche sind nur noch spärlich bevölkert von drei kleinen Jugend-Gangs, jede davon allerdings mit einem leistungsstarken Ghetto-Blaster ausgestattet. Das hemmungslose Gewummer aus drei Richtungen steht in krassem Kontrast zur Ruhe des Blicks. Lang bleiben wir nicht, vielmehr testen wir die Qualität des Navis, geben ein Ziel auf der anderen Seite des hügeligen Sadtteils ein und wählen die Optionen »maximale Höhenmeter« und »kurvenreiche Strecke« – welch ein Erlebnis! Das GPS schickt uns über einen irrwitzigen Parcour, lässt uns abstruse Haken durch verwinkelte Gassen schlagen und all das macht so einen Spaß, das wir am Ziel das Ganze nochmal andersrum fahren. Die Gassen von Montmartre gehören uns dabei ganz allein, keine Menschenseele ist mehr unterwegs und wenn wir die Motoren abstellen, ist außer dem Rauschen in den Ohren kaum ein Laut zu hören. Wir fahren im Schleichgang – erstaunlich, wie leise Motorräder sein können. Gleich ist es vier. 

Kunstvoll: In Paris sind auch Hinweisschilder allemal ein Foto wert.

Die folgende Stunde sollte die beste werden, denn da waren auch die Boulevards fast nur noch für uns beleuchtet. Vereinzelt kreuzt noch ein Lieferwagen den Weg, verlorene Nachtgestalten irren über die Straßen, viele Ampeln sind nur noch im Blink-Modus. Erneut treibt es uns über die Champs-Élysées, doch dieses Mal fliegen wir sie entlang. Und müssen dabei feststellen, das die Qualität des Pflasters diese Prachtmeile auf Augenhöhe mit einem Rübenacker bringt. An ihrem Ende umrunden wir auf dem Place Charles-de-Gaulle in einem der größten Kreisverkehre Europas fünf Mal den Triumphbogen, ohne das in diesem Karussell noch jemand zusteigt. Wir besuchen erneut den Eiffelturm und sehen ihn nicht, obwohl wir schon fast davorstehen – ich dachte wirklich, der sei die ganze Nacht beleuchtet. Vor Notre Dame sind wir immer noch nicht allein, nur hat das Publikum gewechselt. Kein Mensch außer uns – dafür wuseln hunderte Ratten über den mit flachen Büschen bepflanzten Platz – schnappen was geht, bevor die Müllabfuhr kommt.

Gegen fünf schleicht sich frisches Backwerk in die Wahrnehmung, die Zahl der Lieferwagen nimmt zu, der Himmel ist nicht mehr ganz so dunkel. Den Sonnenaufgang erleben wir dann am ältesten Monument von Paris, dem reichlich dreitausend Jahre alten Obelisken von Luxor, der auf dem Place de la Concorde aufgestellt ist. Es dauert nicht lang, bis all die Laternen, Strahler und Spots erlöschen, die Beleuchtung der Stadt übernimmt bis auf weiteres wieder die Natur. Eine Viertelstunde später sind die Straßen wieder voll, uns zieht es dahin, wo noch etwas Ruhe ist. Für das Frühstück hatten wir uns schon in der Nacht ein Café am Fuße von Sacré-Cœur ausgesucht, dort, wo die schier endlosen Treppen hinauf zur Kirche beginnen. Im Schatten alter Bäume stippten wir dort unsere Croissants in den Kaffee und schlossen bald schon kleine Wetten darüber ab, welche der den Berg empor schnaufenden Touristen beim Anblick der Treppe endgültig kapitulieren. Erst beim acht zu fünf für mich stellt Lars dann die Frage, die sich zwangsläufig jetzt stellen muss: »Und? Ab nach Hause …?«

Wir schafften dann noch gut zwei Stunden und hatten Paris bereits weit hinter uns gelassen, als wir uns an einem kleinen Rastplatz nur mal kurz auf der Wiese in der Sonne ausstreckten und beide prompt einschliefen, den Kopf auf dem Tankrucksack. Wie lange wir da gelegen haben, ist schwer zu sagen, nur von einem wirren Traum sind mir noch Fetzen in Erinnerung – irgendwas mit Kaninchen, einem Südseestrand und zwei Gurkengläsern. Wie auch immer, es ging jedenfalls nicht um eine Nacht in Paris. Warum auch? Davon brauch’ ich jetzt ja nicht mehr träumen …

Noch ein letztes Bild: Unsere Pariser Nachtfahrt endet am Place de la Concorde mit einem Foto vom berühmten Obelisken.