RIDER’S DIGEST – DIE REINE PSYCHOLOGIK

Auf dem Motorrad begegnet man bisweilen Phänomenen, die man nicht immer gleich einordnen kann. Da ist es ganz hilfreich, sich auch dazu mal auszutauschen – so unter Klugscheißern …

»Foach, vorhin in der Rechtskurve hat mich allein meine Intuition gerettet.«

»Wie … gerettet?«

»Das ist eine meiner Hauskurven, da nehm’ ich sonst nie Gas weg, nie! Da fräse ich immer mit offenem Hahn durch, der Asphalt da ist wie ein guter alter Bekannter, da kenn’ ich jedes Granulat persönlich, sogar mit Vornamen. Bei trockener Strecke kann ich da voll im zweiten …!!«

»Ruuuhig, Brauner! Was war denn jetzt in dieser Kurve, erzähl schon!«

»Eine Wildsau! Stand breitbeinig auf der Ideallinie und glotzt mich blöde an.«

»Hoppla. Aber dass du jetzt vor mir stehst, sagt mir, dass du ja irgendwie dran vorbeigekommen sein musst. Schwein gehabt mit der Sau, würd’ ich sagen, mmuha …!«

»Nix Schwein gehabt. Ich wusste, dass das Viech dort steht!«

»Wie … wart ihr verabredet?«

»Mann, ich mein’s ernst! Ich wusste nicht konkret, was genau da steht, aber ich habe irgendwie geahnt, dass hinter der Ecke etwas lauert – ein Traktor, mein Vermieter, eine Kühl-Gefrier-Kombination … irgendwas Gefährliches halt! Da war eine innere Stimme, die mir sagte: Nicht so zügig heute, mach lieber langsam! Wenn ich so schnell gewesen wäre wie sonst, hättet ihr zusammen mit mir auch gleich den Braten für meinen Leichenschmaus von der Straße kratzen können. Das war reine Intuition.«

»Ich esse prinzipiell keine Schweine aus Rechtskurven. Und wenn du mich fragst, hat das mit Intuition nix zu tun. Hattest du eine reflektierte Kontrolle über dein Handeln? Nein. Hat dich ein sicheres Gefühl geleitet? Ja. Das nennt man dann Instinkt. Du hast instinktiv gehandelt, nicht intuitiv. Ganz klar.«

»Blödsinn! Das war eine Eingebung. Ich wusste vorher, was kommt. Und das ist definitiv Intuition. Ein Instinkt ist ein angeborenes Verhalten, die Intuition wächst aus den Erfahrungen, die man gemacht hat. Und mal ehrlich: Kann es angeboren sein, mit einer orientierungslosen Sau auf der Ideallinie zu rechnen?«

»Was weiß ich?! Vielleicht hattest du ja auch einen Aborigine in deinem Stammbaum.«

»Einen … was?!«

»Einen Aborigine. Diese Ureinwohner in Australien sind angeblich in der Lage, Dinge vorherzusehen, Präkognition nennt man das. So können sie Gefahren aus dem Weg gehen. So wie du vorhin.«

»Ähm … meine Ahnen kommen aus der Uckermark …«

»Okay, also keine Aborigines … aber doch ziemlich nah dran.«

»Jetzt red’ nicht so einen Stuss.«

»Das ist kein Stuss! Es ist sogar erwiesen, dass das funktioniert. Überhaupt gibt’s die dollsten Sachen. Schon vor hundert Jahren hat eine Russin per Telekinese, also allein mit der Kraft ihrer Gedanken, das Herz eines Frosches zum Stillstand gebracht. Vor Zeugen. Warum soll man dann nicht auch Vorahnungen haben können?«

»Aber die Uckermark ist nun mal nicht das Outback. Und wenn das Schweineherz aufgehört hätte zu schlagen, dann hätte die Sau nur gelegen statt gestanden. Ich kann da keine wirkliche Verbesserung erkennen.«

»Okay, vergiss die Ureinwohner. Aber trotzdem liegst du falsch. Schon Darwin hat Instinkthandlungen als Verhaltensweisen definiert, die ohne jede Vorerfahrung schon beim erstmaligen Ausführen beherrscht werden. Und mal ehrlich: Wie oft hattest du schon eine Sau auf der Ideallinie?«

»Was … ich? Noch nie.«

»Na also, keine Vorerfahrung. Also Darwin, sag’ ich doch. Du warst von deinem Instinkt gesteuert, nichts sonst.«

»Instinkt, Intuition – however. Womöglich war es ja einfach nur ein glücklicher Zufall, dass ich abgebremst habe. Vielleicht musste ich in dem Moment sauer aufstoßen oder kurz an was Blödes denken …«

»Glückliche Zufälle gibt es nicht. Nichts passiert einfach nur so. Alles hängt miteinander zusammen.«

»Alles?!«

»Alles.«

»Kann ich das bitte erklärt bekommen?«

»Als wir vorhin losgefahren sind, weißt du noch? Die Motoren liefen schon, da fiel dir ein, dass du noch pinkeln musst – wie eigentlich immer.«

»Na und?«

»Deshalb sind wir nicht in dem Moment losgefahren, sondern erst ein paar Minuten später. Soll heißen, hättest du nicht deinem Pullertrieb nachgegeben, wärst du ein paar Minuten früher durch deine Hauskurve geflogen, und dann hätte da keine Sau gestanden.«

»Verstehe … – aber was hat das mit Instinkt oder Intuition zu tun?«

»Gar nix. Das soll nur heißen, dass wir im Endeffekt sowieso doch alle nur von Trieben gesteuert werden.«

»Ich kann dir zwar nicht mehr folgen, aber Harndrang ist kein Trieb, sondern ein Reiz. Ein Trieb ist die psychische Repräsentanz einer kontinuierlich fließenden, innersomatischen Reizquelle. Der Reiz hingegen wird durch vereinzelte, von außen einwirkende Erregungen erzeugt. In dem Fall waren die drei Pötte Kaffee die einwirkende Erregung.«

»Tatsächlich?«

»Jep. Wobei ich noch gar keinen Druck hatte. Aber mir fiel auf einmal ein, dass er sicher bald kommen wird, der Druck. Ich habe also de facto intuitiv-präventiv gepinkelt.«

»Hmm … dann hat dich also deine Intuition in eine Situation gebracht, aus der dich dein Instinkt wieder gerettet hat.«

»Pass auf, mir wird das jetzt zu schwurbelig. Vielleicht einigen wir uns darauf, dass sowohl Instinkt wie auch Intuition erst dann zur wahren Erkenntnis werden, wenn sie die Analyse und Reflexion der Intelligenz in Anspruch nehmen. Sonst verstummen sie beide in der Innerlichkeit des bloßen Fühlens.«

»Öhm … genau … so was in der Art wollte ich auch gerade sagen. Aber eins noch: Du meintest doch gerade bestimmt nicht die Intelligenz, sondern den Intellekt – hab’ ich nicht recht?!«