RIDER’S DIGEST – DA GEHT NOCH WAS …

Die »neue« Customizing-Welle spült eine solche Vielzahl kreativer neuer Styles an Land, da sollte doch eigentlich für jeden etwas dabei sein. Und doch ist das manchem Customizer noch immer nicht genug.

»Was haste denn mit der 650er hier vor? Schon einen Style im Kopf?«

»Bin da zur Zeit noch in der Findungsphase.«

»Soll heißen, du hast noch keine vernünftige Idee.«

»Pffff, na hör mal … Ideen ohne Ende, aber ich muss das noch filtern.«

»Ach so, filtern …, na klar … ähm … heißt jetzt WAS genau?«

»Ich bin mir noch nicht wirklich im Klaren darüber, was das am Ende werden soll. Die Basis ist wie geschaffen fürn Café Racer, aber erstens kann ich diese englischen Streckbänke im Moment nicht mehr sehen, und zweitens ist mir das einfach zu naheliegend. Da käm’ doch jeder Spacko drauf.«

»Also ich seh’ da sofort einen Street Tracker. Strippen bis aufs Skelett, Rohre hoch, superkleine Fender, hinten den Avon drauf, vorn ein hoher breiter Lenker mit gelochter Querstrebe, ein Drei-Liter-Mopedtank – feddich.«

»Hmm … also ich würde da eher zum Bobber tendieren, aber selbst das ist mir schon wieder zu sehr Schublade. Die Dinger sehen doch auch alle gleich aus.«

»Ist halt ein Style. Und so ist das nun mal mit Styles. Deshalb heißen sie so. Und deshalb wollen die Leute sie haben.«

»Ich will was Anderes. Was Neues.«

»Was Neues gleich?«

»Ja, was Neues. Was hat es denn mit Customizing zu tun, wenn doch wieder alles festgelegt ist? Ein Bobber muss vorn und hinten gleich dicke Räder haben. Ein Brat-Styler muss eine flache Sitzbank haben. Ein Bagger muss Koffer haben. Und so weiter, und so weiter – was ist denn da noch individuell?! «

»Naja, ein Bagger ohne Koffer wäre kein Bagger, sondern ein Cruiser.«

»Siehste? Da geht schon die nächste Schublade auf. Kannst du dich davon nicht mal frei machen?«

»Versuch’ ich ja. Aber es ist, wie es ist. Und wenn zu mir einer kommt, der unbedingt einen Bobber haben will, dann bau’ ich ihm den.«

»Mach doch. Ich bau die Bikes vor allem für mich. Und wenn sie dann einer kaufen will – bitte.«

»Ist ja auch egal. Wie wär’s denn, wenn du dem Teil ein komplett neues Heck verpasst? Damit brichst du die Linie und kannst auf der Basis ganz neu denken.«

»Neu denken tu ich jeden Tag, dafür brauch’ ich nichts brechen. Aber die Idee hatte ich tatsächlich auch schon, zumal ich hinten noch den 265er auf Chromfelge rumfliegen habe, irgendwo muss ich den mal einpflanzen.«

»Einen 265er? Mein Gott! Wofür war der denn eigentlich gedacht?«

»Sollte ein reines Showbike werden, auf Basis einer Monkey. Aber das Teil war am Ende breiter als lang, das konnte so nicht bleiben.«

»Aha, eine Monkey, soso. Vielleicht ganz gut, dass du das Projekt abgebrochen hast. Aber selbst auf der 650er ist das Teil doch viel zu fett. Was passiert denn dann vorne?«

»Ich dachte an einen schlanken 17-Zöller in einer extrem kurzen Gabel. Die in einem sehr flachen Lenkkopf aufgehängt ist«.

»Extrem kurze Gabel, sehr flacher Lenkkopf – wie soll das zusammengehen? Das Teil liegt doch auf dem Motorblock auf.«

»Nicht, wenn es hinten hoch genug ist.«

»Okay, das dürfte dann in der Tat etwas Neues sein. Das hat sicher noch keiner so gemacht. Ganz sicher nicht.«

»Eben. Ich denke, da geht was.«

»Ich dachte bis jetzt immer, Fahrbarkeit könnte auch ein Kriterium sein.«

»Seit wann das denn? Nenn’ mir einen Bobber, der mit seinen fetten Wurstreifen wirklich fahrbar ist. Wenn du Pech hast, kippst du mit dem einmal in die Kurve und dann nie wieder. Oder versuch mal, mit einem Low Rider in einem Zug zu wenden. Dafür brauchst du einen Aldi-Parkplatz. Und die Filiale sollte nicht zu klein sein.«

»Okay, aber das sind auch Extreme. Mit den meisten Custom-Bikes kann man schon ganz normal fahren.«

»Ganz normal, aha. Ist das etwa der Maßstab für ein gutes Customizing: Ganz normal sein?«

»Nein, aber …«

»Also. Ich denke, ich werde das so machen. Und dann werden wir ja sehen, ob sich daraus nicht vielleicht sogar ein neuer Style bildet. Von mir geschaffen …«

»Und wie willst du das Ganze nennen? Wenn es ein Style werden soll, braucht es einen Namen.«

»Hi-Jacker würd’ passen. Oder Drag-Pumps-Coaster. Vielleicht auch Legal Overboarder …«

»Overboarder …, heißt to overboard nicht zu weit gehen? Doch, das dürfte passen. Mit dem Legal würde ich mich allerdings erst mal zurückhalten …«

»Wieso? Ich bau das Teil so, dass es zulassungsfähig ist. Das Ding kriegt den Stempel, das garantier ich dir.«

»Okay, du wirst wissen, was du tust.«

»Ich weiß das nicht nur, ich kann es sogar aufzeichnen, hier … zack … das Heck etwa so hoch … die Gabel … zack … ungefähr in diesem Winkel … so in etwa müsste das hinhauen.«

»Aber …«

»Der Tank ist noch wichtig, sollte kein klassischer Tropfen sein … eher hier sowas … zack … siehst du … ein Tropfen, der eckig ausläuft.«

»Also wenn ich dazu etwas sag …«

»Der Lenker muss ein Ape-Hanger sein, mindestens Medium, hier … zack … so. Cool, was?«

»Wieso muss der Lenker ein Ape-Hanger sein?«

»Ganz einfach, weil hier oben … zack … der Solo-Seat ist … ich denke da an einen stilisierten Cowboysattel. Und weil ich nur ganz wenige Orang-Utans in der Kundschaft haben, sollte der Lenker auch erreichbar sein.«

»Also ich weiß ja nicht …«

»Ich aber. Die Krönung des Ganzen ist die Lackierung. Der Rahmen kriegt eine Rostoberfläche, der Lenker wird mit altem Feuerwehrschlauch umwickelt und der Tank wird gepinstriped mit einem gebrushten Opossumschädel.«

»Ein Opossum? Wieso ausgerechnet ein Opossum?«

»Weil mir das gerade so einfiel.«

»Okay, aber wenn ich mir deinen Entwurf hier so anschaue, dann … naja … ich weiß jetzt nicht, wie ich es am besten ausdrücken soll …«

»Sag‘ einfach, was du meinst.«

»Also gut, ich finde, das Teil sieht … öhm … total scheiße aus.«

»Okay. Das lässt sich allerdings nicht von der Hand weisen. Aber originell ist es schon, oder?«

»Unbedingt! Aber so was von ohne jeden Zweifel. Definitiv.«

»Na also. Bis hierhin also alles richtig gemacht …«