RIDER’S DIGEST – FATHER & SON

Die große Begeisterung für das Motorrad eint nicht immer unbedingt die Generationen. Ganz locker geht da bei einem Disput schon mal der Überblick verloren …

»Können wir mal reden? Also Mutti und ich … wie soll ich sagen … wir haben uns Gedanken gemacht und …«

»Ihr habt euch Gedanken gemacht?! Schon wieder?! Wird das jetzt eine Marotte von euch? Oder wollt ihr herausfinden, ob minus mal minus wirklich ein Plus ergibt?«

»Musst du immer gleich so aggressiv werden?! Mutti und ich sind uns jedenfalls einig, dass wir mit dir reden müssen.«

»Ach, und worüber? Lass mich raten: Es hat was mit meinem Motorrad zu tun, richtig?«

»Du weißt, dass Mutti und ich es nicht gutheißen, wenn du ständig auf diesem Ding mit diesen fragwürdigen Typen durch die Gegend gondelst. Und am Wochenende willst du schon wieder los.«

»Was soll denn schon passieren?!«

»Muss ich dir das wirklich erklären?«

»Wäre doch mal einen Versuch wert.«

»Du hast uns immer wieder versichert, dass du extrem vorsichtig fährst. Das haben wir so lange geglaubt, bis ihr neulich noch knapp vor einer Linkskurve im Pulk an uns vorbei geflogen seid. Das war ein haarsträubendes Manöver, und du mittendrin. Mutti hat sich auf dem Beifahrersitz zu Tode ersch …«

»Ich hab’s schon zweimal erklärt, dass erstens das einzig Haarsträubende an dem Manöver eure Wahrnehmung gewesen ist und wir es zweitens verdammt eilig hatten.«

»Warum eigentlich? Was war so wichtig?«

»Unser Freund Carlo hat an dem Tag geheiratet, und wir waren verdammt spät dran.«

»Carlo … ist das nicht der mit dem ganzen Metall im Gesicht? So stelle ich mir immer einen Türsteher im Sado-Maso-Club vor. Wer hat den denn geheiratet – ein Schaltschrank?«

»Carlo ist hochbezahlter Studio-Musiker, ausgebucht auf Monate. Und noch was: Wir sprechen hier nicht von irgendwelchen Typen, sondern von meinen Freunden. Etwas mehr Respekt wäre ganz schön.«

»Kannst du vielleicht nachvollziehen, dass das mit dem Respekt nicht so leicht fällt?«

»Öhm … nein. Wieso sollte ich?«

»Na guck’ dir doch nur den Einen da an … den Dicken, der so läuft wie eine Krabbe.«

»Ich weiß jetzt nicht, wen du …«

»Natürlich weißt du. Wenn in einem Helge-Schneider-Film die Rolle einer weitgehend quadratischen polnischen Putzfrau mit Asperger-Syndrom zu besetzen wäre, hätte der Typ fürs Casting alle Trümpfe in der Hand … der hat auch noch so einen komischen Namen … warte … klingt wie saures Aufstoßen …«

»Urs! Einer der gefragtesten Bildhauer der internationalen Kunstszene. Seine letzte Ausstellung war im MoMA.«

»Was? Wo? Muss man das kennen …?«

»Ach …vergiss es. Was stört dich an ihm?«

»Hast du dir mal seine Tattoos angesehen?«

»Welche? Am Hals oder an den Waden?«

»Mehr im Mittelteil.«

»Du meinst den Zombie auf seinem Rücken? Was soll damit sein? Der ist doch cool.«

»Vielleicht wäre er erträglicher, würde er nicht mit dem Bundesadler kopulieren. Das ist günstigstenfalls widerwärtig. Aber von dem spreche ich gar nicht, ich meine das grafische Desaster auf seiner Brust – keine Ahnung, was das darstellen soll.«

»Eine Pizza Quattro Stagioni.«

»Eine …WAS?!«

»Eine Quattro Stagioni. Mit extra viel Käse. Urs ist Künstler, das ist seine individuelle Art, Protest zu artikulieren.«

»Protest, aha. Aber wogegen denn?«

»Bei Urs ist das mehr eine prinzipielle Sache. Das richtet sich nicht gegen konkrete Sachverhalte. Sein Protest ist globaler. Er will vor allem anprangern.«

»Mit einer Pizza auf der Brust?! Ach du lieber Himmel … verstehst du, dass Mutti und ich uns Sorgen machen?!«

»Sorgen machen, Sorgen machen, ich kann’s nicht mehr hören! Meint ihr nicht auch, ich müsste alt genug sein, um zu wissen, was ich tue?«

»Du bist uns halt nicht gleichgültig! Wir meinen es doch nur gut, Mutti und ich. Das kann doch jetzt nicht ewig so weitergehen. Es ging doch auch früher anders.«

»Früher hab’ ich um des lieben Familienfriedens willen alles mitgemacht. Und ihr kommt nicht damit klar, dass das jetzt nicht mehr so ist.«

»Ist das denn verwunderlich? Du bist manchmal tagelang unterwegs und dabei nicht mal erreichbar. Du treibst dich irgendwo in der Weltgeschichte herum, und wir wissen nicht, wo du eigentlich steckst. Und dann diese Typen, mit denen du unterwegs bist …«

»Jetzt reicht’s! Noch einmal zum Mitschreiben: Das sind keine Typen, das sind meine Freunde, merk dir das! Vielleicht sind sie ein wenig skurril, aber sicher nicht langweilig.«

»Skurril ist ja wohl schwer untertrieben. Wie heißt nochmal der mit dem Clownsgesicht auf dem Helm, der immer so rüberkommt wie ein Junkie auf Freigang?«

»Das ist Sascha. Lebt streng vegan und arbeitet in der Photovoltaik.«

»Den Eindruck macht er nun wirklich nicht. Wirkt eher immer so, als habe er ein klaustrophobes Frettchen in der Hose.«

»Pass auf, … wir brechen das jetzt ab. Dieses Gespräch macht keinen Sinn mehr. Ich lasse meine Freunde nicht länger von dir beleidigen, werde das Festival am Wochenende ganz sicher nicht verpassen, und ich werde auch Achim nicht hängenlassen.«

»Welche dieser Gestalten ist nun wieder Achim?«

»Der Nette. Den sogar Mutti mochte.«

»Was!? Dieser Typ, der an deinem Geburtstag einen Strip hinlegen wollte und dabei den Bratmaxe-Song gesungen hat?!«

»Achim verträgt nicht viel. Und Mutti fand es sogar sexy.«

»Mutti hat an dem Abend die Hälfte der Bowle ganz allein getrunken, da hätte ein adipöser Zwerg an der Stange tanzen können, sie hätte auch das sexy gefunden! Was heißt das überhaupt – du wirst ihn nicht hängenlassen?«

»Achim eröffnet am Sonntag sein neues Café. Da ist die ganze Clique gefordert.«

»Ein neues Café? Na das passt ja: Wer nix wird, wird Wirt …«

»Schluss jetzt! Noch ein Wort und ich enterbe dich!!«

»Ach, Paps – glaubst du wirklich, ich wäre scharf auf dein Motorrad …?«